Umweltblog

Frei wie ein Vogel im ehemaligen Gefängnis – über die Vögel im Badener Stadtturm

Maria Burger nimmt uns mit in den Stadtturm. Sie betreut dessen Nistkästen: Gerade brüten zwei Gänsesäger und die Alpensegler frischen ihre Nester auf. Auch Turmfalken und Dohlen können im Stadtturm nisten.

Es ist kaum zu glauben: Bis 1984 diente der Badener Stadtturm noch als Bezirksgefängnis. Dann zogen die Gefangenen aus und nach und nach konnten verschiedene Vogelarten einziehen. Maria Burger betreut seit 2013 die Nisthilfen im Stadtturm in Zusammenarbeit mit dem Badener Natur- und Vogelschutzverein NAVO und der Vogelwarte Sempach. Die Umweltnaturwissenschaftlerin hat schon als Jugendliche ihren ersten Ornithologiekurs besucht. Beruflich arbeitet sie nicht mehr im Bereich der Tiere und Pflanzen. Dafür kann sie ihre Leidenschaft bei der Betreuung der Vögel im Stadtturm nachgehen. Letzte Woche durfte ich Maria bei ihrer Arbeit im Stadtturm über die Schulter schauen.

Maria lädt uns ein, die Vögel im Badener Stadtturm zu besuchen.

Zuerst steigen wir einige Treppen hoch, vorbei an den alten Gefängniszellen. Der erste Nistkasten ist auf Höhe der Uhren auf der Seite, die in Richtung Schlossberg ausgerichtet ist. Er wurde für Turmfalken gebaut. Vom Esstisch in Marias Elternhaus an der Oberen Gasse sieht man direkt auf den Eingang dieses Kastens. Schon als Jugendliche hat Maria die jungen Falken beobachtet.

 

Die Turmfalken haben ab 2014 plötzlich nicht mehr im Stadtturm gebrütet. Erklären kann man sich nicht, woran das liegen könnte. Die Nistkästen der Turmfalken stehen aber nicht leer: Zu schätzen weiss sie auch der Gänsesäger. Erstaunlich, dass eine Entenart in einem Turm mitten in der Stadt brütet.

Gänsesäger sind sie grösste Entenart bei uns. Hier abgebildet ist ein Weibchen (Bild: Frank Schulenburg).

Viele Jahre haben Turmfalken im Stadtturm gebrütet. Hoffentlich wird das bald wieder so.

Enten sind Nestflüchter. Für die Gänsesägerjungen ist kurz nach dem Schlüpfen ein Sprung vom Stadtturm angesagt. Dann watschelt die mutige Schar mit ihrer Mutter runter zur Limmat. Gänsesäger brüten vor den Turmfalken. Wenn das Timing stimmt, kann der Turmfalke direkt nach dem Gänsesäger einziehen. Das war letztes Jahr so. Der Turmfalke hat 2019 nach fünf Jahren wieder hier gebrütet.  Maria hofft, dass er dieses Jahr wieder kommt.

Wir gehen eine Treppe weiter hoch und sind nun auf Höhe der Erker. Hier gibt es einen zweiten Falkenkasten, wo auch gerade ein Gänsesäger brütet. In den Erkern sind zudem drei Dohlenkästen eingerichtet. Sie wurden 2016 gebaut, als eine Dohle ein Nest in einer Schlüssellochscharte im Erker über dem Mosers baute, aber nie zu brüten begann. Dohlen wären herzlich willkommen. Sie haben aber bisher nicht hier genistet.

Für die Dohlen wäre alles bereit im Stadtturm (Bild: Pixabay).

Wir klettern eine Leiter hoch und sind nun im Dachstuhl. Hier befindet sich das Herzstück: die Alpenseglerkolonie. Unter dem Dachvorsprung kann man von aussen die zahlreichen Eingänge sehen, die in die Nistnischen unter dem Dach führen.

 

Maria öffnet vorsichtig einen Kasten nach dem anderen. Sie notiert sich, ob das Nest aufgefrischt wurde. Da Alpensegler fast immer in der Luft sind, bauen sie ihre Nestschale aus Materialien wie Federchen, Haaren, Blütenfasern und Samen, die sie in der Luft finden. Diese werden mit reichlich Spucke zusammengekleistert. Bei diesem Aufwand wird auch verständlich, warum sie lieber ein altes Nest auffrischen, statt ein Neues zu bauen.

Maria überprüft, ob dieses Nest schon hergerichtet wurde.

So sieht es in einer Alpenseglernistnische im Stadtturm aus. Hinten rechts ist die Öffnung, durch die die Vögel einfliegen.

Am beliebtesten scheint die Seite zum Schlossberg zu sein. Hier wurden schon fast alle Nester aufgefrischt. Auf einem Nest sitzt sogar ein Alpensegler, der uns etwas argwöhnisch aber ruhig entgegenschaut. In den nächsten Wochen wird Maria dann zählen, wie viele Eier die Alpensegler gelegt haben und sich die Ringnummern der Brutvögel notieren. Die Jungen werden auch beringt. Dadurch können die Individuen wiedererkannt werden. Für die Wissenschaft und den Naturschutz ist die Beringung von Vögeln wertvoll.

Nimmt man sich eine Weile Zeit, kann man die Alpensegler um den Stadtturm fliegen sehen (Bild: Birdwatching Barcelona).

Die Alpensegler

Alpensegler erinnern an eine Schwalbe, sind aber grösser. An ihrem weissen Bauch und den lauten trillernden Rufreihen sind sie leicht erkennbar. Männchen und Weibchen kann man äusserlich nicht unterscheiden. Beim Brüten wechseln sie sich ab – ein emanzipiertes Paar!

Alpensegler verbringen den Grossteil ihres Lebens in der Luft. Darum müssen die Jungen fliegen können, wenn sie das Nest verlassen. Bis es soweit ist, kann es bis zu zwei Monate dauern. In dieser Zeit sammeln die Eltern fleissig Insekten für ihre Kleinen. Jeder der 1-3 Jungvögel bekommt täglich mehrere „Insektenbälle“ mit ca. 2cm Durchmesser. Bei kaltem Wetter fliegen weniger Insekten und so können die Eltern wenig Futter bringen. Alpenseglerjunge können ihren Kreislauf bei Kälte runterfahren und so einige Tage ohne Essen aushalten.

 

Für die Alpensegler ersetzt der Stadtturm einen Fels. Bei uns nisten sie in Nischen an hohen Gebäuden. Das hat einen praktischen Grund: Beim Losfliegen lassen sich Alpensegler fallen. Sie müssen lang genug fallen können, bis sie vom Aufwind getragen werden.

Die Brutplätze von Alpenseglern gehen durch Renovationen und Umbauten oft verloren. Als 2008/2009 der Stadtturm renoviert wurde, ist die Population massiv eingebrochen. Seitdem hat sich die Population langsam wieder erholt.

Seit 1991 konnte sich im Stadtturm durch das Einrichten von Nistnischen eine stabile Alpenseglerkolonie entwickeln. Durch die Renovation des Stadtturms ist sie eingebrochen und hat sich seitdem langsam erholt (Grafik: Maria Burger).

Auch im Landvogteischloss Baden nisten Alpensegler. Normalerweise bietet der NAVO jeden Sommer Besuche der Alpenseglerkolonie im Landvogteischloss an. Dieses Jahr können diese auf Grund der Ausnahmesituation leider nicht stattfinden. Dafür bietet dieser Beitrag einen virtuellen Besuch einer Alpenseglerkolonie.

 

Es war sehr spannend mit Maria im Stadtturm. Möchten Sie noch mehr wissen? Stellen Sie Ihre Fragen gerne als Kommentar!

 

Interessieren Sie sich für weitere Vogelarten, die in Baden brüten?
Auch die Vögel im Park der Villa Langmatt können Sie virtuell mit uns beobachten: Blogartikel „Stunde der Gartenvögel“ im Park der Villa Langmatt
Im Umweltblog berichteten wir auch über den Neuntöter und die Saatkrähe in Baden.

 

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