Umweltblog

Wanted: Tot oder lebendig

Wer sagt denn, dass totes Holz nicht lebt? Im Wald verbinden wir Menschen Leben mit grün: Spriesst es grün, gedeiht die Pflanze oder der Baum. Stirbt ein Baum aber ab, ist er tot. Im Kreislauf des Lebens beginnt im toten Holz aber ein unglaublich vielfältiges Wirken von Bakterien, Pilzen, Insekten und anderen Tieren. Es wimmelt nur so vor Leben.

Warum bildet ein Baum einen Holzstamm? Es ist für ihn ein Mittel, seine Blätter an das lebenswichtige Sonnenlicht zu heben. Um den mechanischen Einflüssen wie Wind und Frost zu trotzen, muss der Stamm stabil, temperaturunabhängig und trotzdem flexibel sein. Zudem muss er das lebensnotwendige Wasser nach oben leiten können und zuckerhaltigen Saft in die Wurzeln bringen. Auf gar keinen Fall aber soll dieses komplexe System von Frassfeinden geschwächt werden. Dazu haben sich Bäume im Laufe der Evolution einiges einfallen lassen. Als erstes wird der Stamm von aussen mit einer manchmal dicken Rinde geschützt. Wird der Stamm trotzdem verletzt, wird entweder Harz abgesondert (z.B. Fichte), das Holz ist unverdaulich dank Gerbstoffen (z.B. Eichen) oder die Wunde wird abgegrenzt und überwallt (z.B. Linden). So gewährleistet der Baum ein intaktes mechanisches Gerüst für die optimale Photosynthese seiner Blätter oder Nadeln und hindert Pilze und Käfer daran, dieses zu schädigen.

Bäume gedeihen nicht ewig. Nach einigen Jahrhunderten verliert der Baum den Kampf mit Sturm und Pilz und sinkt darnieder. Nun ist das Feld frei für das grosse Fressen. Noch aufrechtstehend zimmert der Specht seine Kinderstube in den Stamm. Die Baumhöhlen werden weiter genutzt von Siebenschläfer, Eichhörnchen und Eulen. Im modernden Holz von Eichen wachsen über mehrere Jahre die Larven des seltenen Hirschkäfers heran.

Die Zersetzungsprozesse locken je nach Dicke des Stammes, der baumartenspezifischen Holzzusammensetzung, dem Feuchtegrad und der Besonnung ganz unterschiedliche Lebensgemeinschaften aus Bakterien, Pilze und Insekten an.

Obsternte

Der Hirschkäfer ist auf Totholz angewiesen (Bild: pixabay.com).

Im Badener Wald legt das Stadtforstamt grossen Wert darauf, diese Vielfalt an Prozessen zuzulassen. Daher wurden zwei grosse Waldstücke ausgeschieden, worin kein Holz geerntet wird. Im Teufelskeller (70 ha) und im Unterwilerberg (58 ha) können Waldbesucherinnen und Waldbesucher beobachten, wie sich grosse Stämme über die Jahre in wertvollen Humus verwandeln und so den Kreis des Lebens schliessen. Der Baum ist tot, es lebe der Baum! L’arbre et mort, vive l’arbre!

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Totholz im Badener Wald (Bilder: Stadtforstamt).

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