Umweltblog

Steckbriefe Natur und Landschaft: Die Naturschutzobjekte der Stadt Baden

Von der Müseren her kamen sie und stahlen sich über die Hohmatt heimlich durchs Unterholz, beim Brenntrain übers Kühstelli bis zum Rütibuck. Was sich wie ein Ausschnitt aus einem alten Gnomen-Märchen anhört, beschreibt nicht etwa mystische Orte, an denen man Trolle, Zwerge oder Feen antrifft. Es sind reale Waldgebiete: die Naturschutzobjekte von Baden.

Auf dem Rundgang mit Forstwart Pius Moser besuchen wir drei dieser Objekte und wer weiss, vielleicht treffen wir doch das eine oder andere sagenhafte Wesen an.

Nr. 17 Feuchtstandorte und Weiher Baldegg Müseren

Pius Moser lacht ob meiner Überraschung, als wir über einen Trampelpfad aufs Müseren-Plateau vorstossen. Von der Schotterstrasse her scheint der Wald unscheinbar, schattig, nicht sehr einladend für einen Spaziergang. Dringt man aber durch die Fichten hindurch und überquert ein, zwei Gräben auf dem Weg, tritt man in eine andere Welt ein. Vor uns öffnet sich eine Lichtung voller Vielfalt: Büsche, Bäume, Wiesen, Tümpel und Teiche und alles kreucht und fleucht, surrt und schwirrt. Es ist ein kleiner, lebendiger, ja, gar magischer Ort.

So stellen wir uns Natur vor. Aber ist dies natürlich? Eigentlich nicht, wie Moser erklärt. Unsere Breitengrade waren ursprünglich stark bewaldet und Wald ist nicht zwingend artenreich. Dass hier in der Müseren eine so hohe Vielfalt herrscht, ist letztlich den Menschen zu verdanken. Denn die Instandhaltung des Artenreichtums bedarf gewisser Eingriffe und diese werden gezielt durch das Stadtforstamt Baden gemanagt.

Um zu verstehen, wie dieser Wald entstand, dreht Pius Moser die Uhr etwas zurück. Eigentlich sei es schon immer ein Feuchtgebiet gewesen, das bis ungefähr Mitte des 19. Jahrhunderts als Viehweide genutzt wurde. Später ab 1870 folgte eine Umnutzung: Kanäle wurden gegraben, um Wasser abfliessen zu lassen und Fichten übernahmen die wirtschaftliche Hauptfunktion. Das ertragreiche Bauholz überdeckte das Gebiet monokulturell und galt damals als lukrative Einnahmequelle. Bis Holz im 20. Jahrhundert an Wert verlor.

Als in den frühen 90er Jahren Naturschutz immer wichtiger wurde, begann man Biotope anzulegen, in allen Varianten. Kleine bis grössere Laichgewässer, offene Wiesenflächen, Baumhaine mit Pioniergehölze – die Unterschiede sind wichtig für die Vielfalt. Ebenso die Pflege, sagt der Forstwart: „Wir mähen jedes Jahr das Gras, damit die Weiher nicht zuwachsen und Neophyten nicht zu stark Fuss fassen.“ Und rund alle 10 Jahre müssen auch Weiher neu gebaggert werden. Das Ganze ist mosaikartig angelegt, denn es geht um Vielfalt und nicht um einzelne Arten.

Ein Gnom haust im Naturwaldgarten

Dass hier Artenreichtum herrscht, merkt man unter anderem an der hier vorkommenden Gelbbauchunke. Diese kleine, unscheinbare und sehr seltene Amphibie mag einen abwechslungsreichen Lebensraum. Sie gilt als stark gefährdet. Vor allem, weil ihre idealen Lebensräume sehr dynamisch und mit vielen kleinen Tümpeln besetzt sein müssen. Diese sind aber immer seltener vorhanden, da sie üblicherweise in Fluss- oder Bachauen entstehen. Durch Massnahmen der Trockenlegung oder Begradigung von Flussgewässern haben sie stark abgenommen und wurden an andere Orte verlagert. Wie auf dieses Plateau.

Weil dies aber eine für den Wald ungewöhnliche Landschaft ist, bedingt es eine Instandhaltung durch Menschen. Diese ist wichtig für das Funktionieren des Ökosystems und macht unsere Forstwarte somit zum „Naturwald“-Gärtner. „Es braucht aber eine gewisse Affinität und ein Interesse für diese Art der Waldpflege“, sagt Moser, der die Arbeit weiterführt, die der ehemalige Revierförster Bruno Schmidli begann. „Mir gefällt dieser abwechslungsreiche Umgang und solche Flächen sind nicht nur wichtig, sondern machen unsere Arbeit zusätzlich spannend.“

Nr. 14 Föhrenwiese Hohmatt

Eine ganz andere Landschaft präsentiert sich wenige hundert Meter talwärts Richtung Chappelerhof. Wir befinden uns oberhalb des Chappi auf der sogenannten Föhrenwiese Hohmatt. Nicht von ungefähr deutet dieser Name auf die hier wachsenden Föhren hin, wie auch darauf, dass es eine Wiese ist. Oder besser gesagt eine Matte. Denn ähnlich einer Alp diente vor rund 200 Jahren auch dieses Landstück der Viehwirtschaft im Sommer.

Die Michaeliskarte aus dem 19. Jahrhundert bezeugt die breit angelegten Matten zwischen dem Wald auf der Baldegg und der Siedlung Chappelerhof. Als die Nutzung abnahm, wuchsen diese Wiesen zu und erst unter späteren Eingriffen lichtete das Forstamt die Fläche wieder auf. „Der damalige Revierförster wusste, dass dies hier einmal Wiesen waren und erinnerte sich aus seiner Kindheit daran, dass es Orchideen gab“, erzählt Moser.

Während den letzten 20 Jahren vergrösserte das Forstamt die Wiesen langsam in drei Phasen und förderte damit eine zunehmende Vielfalt. Dazu gehören heute sechs Orchideenarten.

Orchideen auf magerem Boden

„Unsere Wälder bestehen grösstenteils aus Buchen“, erklärt Moser, „aber Föhren bevorzugen solche mageren Böden, wie auf der Hohmatt“. Damit aber die Orchideen hier auch gedeihen, engagiert sich das Forstamt dafür, die Wiesen offenzulegen. Dazu mähen sie einmal im Jahr. Zusätzlich entfernen sie Sträucher und Schlingpflanzen, wie die zum stolpern verleitende Waldrebe. Da diese Pflanzen schnell nachwachsen, will das Forstamt diese Auflichtung ab 2020 zweimal im Jahr durchführen.

Dank dieser Massnahmen nennen heute sechs Orchideenarten die Hohmatt ihr Zuhause. Möchte man im Frühling und Frühsommer also sagenhaften Wesen begegnen, so trifft man hier auf das quirlig benannte Fuchs‘ Knabenkraut, das flugunfähige Weisse Waldvögelein oder den seltenen Frauenschuh.

Fuchs Knabenkraut

Weisses Waldvögelein

Frauenschuh

Nr. 4 Altholz Rütibuck

Auf dem Rückweg über die Allmend besuchen wir das Altholz Rütibuck. Hinter dem Sportplatz und der Pfadihütte liegt ein kleines Waldstück, das sich über eine Felskuppe zur Känelgasse hinunter bückt. Seit 1987 erfährt dieser Wald keine Nutzung mehr und wird nach einem „Nichts tun“-Prinzip geschützt. Demnach wird der Wald sich selbst überlassen. Das Forstamt interveniert nur falls Gefahr durch umfallende Bäume oder herabfallende Äste beim Pfadiheim oder über der Känelgasse besteht.

Ziel dabei ist es, diejenigen Arten zu fördern, die auf Alt- und Totholz angewiesen sind. Somit tummeln sich in diesem Waldstück nebst sogenannten Totholzkäfern noch diverse Holzpilze sowie Grün- und Schwarzspechte. Diese bauen sich gerne Bruthöhlen in den Abbruchstellen heruntergefallener Äste.

Zeugnisse einer anderen Art

Wenn man in den Abendstunden eine Weile ruhig im Wald verharrt, besteht des Öfteren die Möglichkeit einer seltenen Art des Homo Sapiens zu begegnen. Diese Art, auch bekannt als Pfadfinder, treibt sich gerne in diesem Wald herum. Das Forstamt bemüht sich deshalb in guter Manier zu informieren, damit sie beim Bauen, Graben und Werkeln im Wald nicht gefährdet sind. Ebenso gehen die Pfadfinder ihrerseits achtsam mit dem Altholz Rütibuck um.

Erfolgreicher Naturschutz seit 1994

Insgesamt zählen die Ortsbürger- und Einwohnergemeinde 29 Naturschutzobjekte zu ihren Steckbriefflächen. Dabei handelt es sich um Wald- oder Wiesenlandschaften, die spezielle Funktionen für den Erhalt bestimmter Arten und zur Förderung der Biodiversität übernehmen. Ziel dabei ist es, landschaftliche und siedlungsökologische Qualitäten zu erhalten und weiterzubringen. Um diese Ziele zu erreichen, arbeiten die Stadt und die Ortsbürger fortlaufend für den Naturschutz im Badener Wald.

Die Hege und Pflege des Forstamts wirkt sich demnach erfolgreich auf die Vielfalt in und um die Stadt aus. Und Baden kann somit nach 25 Jahren stolz auf ihre Wald- und Wiesenlandschaft blicken.

Alles zum Richtplan Natur und Landschaft der Stadt Baden finden Sie hier.

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