Umweltblog

Wie Lichtverschmutzung die Biodiversität reduziert

Lichtverschmutzung verteilt die Tiere anders: Einige werden von Licht angezogen, andere verstecken sich. Das Ökosystem wird auf den Kopf gestellt und die Konkurrenz und Räuber-Beute Beziehungen verändern sich. Einige Arten verschwinden und andere dehnen sich aus. Die Biodiversität nimmt ab.

Haben Sie Angst im Dunkeln? Die Nacht, die manche von uns fürchten, ist für viele Tierarten die sicherste Tageszeit. 30% aller Wirbeltiere und mehr als 60% aller Wirbellosen sind nachtaktiv. Sie meiden das Licht, denn dieses macht sie sichtbar und bringt sie in Gefahr. Durch das Leben im Dunkeln können sie ihren Jägern aus dem Weg gehen. Oder sie können am gleichen Ort jagen wie ihre tagaktiven Kokurrenten.

Kunstlicht verteilt die Tiere anders

Die einen Tiere werden von Licht angezogen, andere meiden es konsequent. Lichtverschmutzung verteilt die Tiere anders und bringt das Ökosystem durcheinander (Bild: Perkin et al. (2011)).

Jungfische fürchten Licht sehr. Sie kommen nur nachts an die Gewässeroberfläche, um im Schutz der Dunkelheit Zooplankton zu fressen. Lichtverschmutzung durch übermässig beleuchtete Fussgängerpromenaden führt dazu, dass sie sich auch nachts verstecken. So können sie zu wenig fressen.

Bei vielen nachtaktiven Insekten ist es genau umgekehrt. Man nennt es den Staubsaugereffekt: Sie werden vom Licht der Strassenlaternen so stark angezogen, dass sie das Fressen ganz vergessen und vor Erschöpfung sterben. Oder aber sie fallen listigen Fledermäusen oder anderen Räubern zur Beute, welche sich diese Anziehung zunutze machen. Sind Sie schon einmal nachts über die Siggenthalerbrücke oder den Limmatsteg spaziert? Da lauern unzählige Spinnen vor den Leuchten am Geländer. Es ist ein richtiges Gruselkabinett.

Nachtfalter wie die Gammaeule werden von Kunstlicht angezogen. Das wird ihnen zum Verhängnis.

Die Larven der Köcherfliegen schützen sich durch einen Köcher aus Materialien wie Laub, kleinen Steinen und Hölzchen (Bild: Petri-heil.ch, Kleine Insektenkunde).

Eine einzige Laterne in der Nähe eines Baches lockt so viele Köcherfliegen an, wie gleichzeitig auf 200m Länge des Baches schlüpfen.

Nicht alle Fledermausarten profitieren von der Lichtverschmutzung. Während die einen gezielt an Lichtquellen jagen, weichen andere Arten Lichtquellen konsequent aus. Sie müssen auf Umwegen zum Jagdrevier fliegen. Wieder andere sind so lichtscheu, dass sie mit Ausfliegen warten, bis das Licht aus ist. Dadurch verpassen sie die insektenreichen frühen Abendstunden. Eine hübsch beleuchtete Kirche kann sich also leider sehr schlecht auf ihre Bewohner auswirken oder sie sogar ganz vertreiben. In der Schweiz kommen ganze 30 Fledermausarten vor und sie sind alle bedroht.

Künstliche Lichtquellen können die Orientierung von Tieren aber auch einfach komplett durcheinander bringen. Darunter leiden besonders Zugvögel. Diese ziehen hauptsächlich nachts. Kunstlicht stört ihre Orientierung und bringt sie für längere Zeit auf eine falsche Flugbahn. Auch Aale und Lachse wandern nachts, wenn sie zur Laichablage zurückkehren. Beleuchtete Brücken durchschneiden ihren Weg und sie suchen bis zur Erschöpfung nach einem anderen.

Kunstlicht stört die innere Uhr

In der ganzen Schweiz gibt es keinen Ort mehr, wo in der Nacht natürliche Dunkelheit erreicht wird, berichtet Dark Sky Schweiz. Licht ermöglicht uns, Sportanlagen bis in die Nacht zu nutzen. Das Ortsbild kann durch Beleuchten eindrücklicher Bauten verschönert werden. Licht suggeriert Sicherheit. Es scheint uns selbstverständlich, dass wir uns von der Dunkelheit nicht einschränken lassen müssen.

Unsere innere Uhr ist wie ein Kalender. Sie wird durch den Tag-Nacht Rhythmus synchronisiert (Bild: das-lernen-lernen.jimdofree.com, Biorhythmus).

Uns ist dabei kaum bewusst, dass wir uns damit auch von unserem natürlichen Rhythmus abwenden. Alle Tiere und Pflanzen haben eine innere biologische Uhr, die durch den Tag-Nacht Rhythmus synchronisiert wird. Diese innere Uhr ist wie ein Kalender. Sie hängt mit dem Hormonhaushalt zusammen und hat Einfluss auf alle Funktionen des Körpers. Beispielsweise hat unsere Körpertemperatur einen Tagesrhythmus, der durch die innere Uhr gesteuert wird. Wir schlafen in den Nachtstunden vor 3 Uhr am besten, weil unsere Körpertemperatur immer dann am niedrigsten ist.

Durch längere Beleuchtung wird in Fisch- und Hühnerzucht der Tag verlängert

In der Fischzucht macht man sich dies zunutze: Durch ständige Beleuchtung kann das Dunkelhormon Melatonin nicht gebildet werden. Dadurch werden weniger Sexualhormone ausgeschüttet und die Geschlechtsorgane reifen nicht. Die Fische sparen Energie und wachsen dadurch schneller. Sie fressen bei 24h-Beleuchtung auch mehr. Was bedeutet das für die Auswirkungen der Lichtverschmutzung auf Wildfische? Sie kann dazu führen, dass sich bestimmte Fischarten nicht mehr vermehren können.

Wissen Sie, dass Hühner bei Dämmerung selbstständig in den Stall gehen? Auch das Verhalten von Hühnern ist stark durchs Licht gesteuert. Wenn die Tage im Winter kürzer werden, legen Hühner keine Eier mehr. Ein lebenswichtiges Umweltsignal, denn im Winter ist es schwierig, Junge aufzuziehen. In Ställen wird ihr Tag durch Beleuchtung künstlich verlängert, so dass sie mehr Eier legen.

Wie beleuchtet man richtig?

Die vielen Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, dass bei Beleuchtungen auf Tiere Rücksicht genommen wird. Licht soll seinen Zweck erfüllen, aber gleichzeitig auch naturverträglich sein.

6 Massnahmen für weniger Lichtverschmutzung

1. Ist die Leuchte wirklich notwendig?
Fragen Sie sich grundsätzlich bei jeder Beleuchtung im Aussenraum, ob diese tatsächlich notwendig ist.

2. Von oben nach unten beleuchten
Beleuchten Sie von oben nach unten. So vermeiden Sie, dass Licht in die Atmosphäre abstrahlt.

3. Leuchten abschirmen und präzise beleuchten
Achten Sie darauf, dass die Lampen abgeschirmt sind. Optimal ist es, wenn die Lichtquelle nicht sichtbar ist. Es soll nur beleuchtet werden, was beleuchtet sein soll.

4. Beleuchtungsstärke und Beleuchtungsart anpassen
Wählen Sie die richtige Beleuchtungsstärke. Und achten Sie darauf, dass die Beleuchtungsart der Situation angepasst ist.

5. Leuchtdauer zeitlich begrenzen
Die wenigsten Leuchten müssen die ganze Nacht hindurch brennen. Begrenzen Sie die Beleuchtungsdauer zeitlich sinnvoll.

6. Sinnvolle Lichtfarbe aufwählen
Am besten mit warm-weissem Licht beleuchten, kalt-weisses Licht schadet vielen Tieren am meisten

Der Unterschied durch eine präzise Beleuchtung mit angepasster Beleuchtungsstärke ist deutlich sichtbar (Bild: Projekt Sternenpark Schwäbische Alp, Matthias Engel & Carsten Przygoda, 2013)

Baden arbeitet an einem Beleuchtungskonzept

Licht soll in Baden seinen Zweck erfüllen und möglichst wenig Schaden anrichten. Dafür hat Baden Beleuchtungskonzepte für verschiedene Stadtteile wie Bäderquartier und Kurpark erarbeitet und umgesetzt. So wurden an der Limmatpromenade die Kugelleuchten aus den 60er Jahren ersetzt. Obwohl sie ästhetisch ansprechend sind, erfüllen ihren Zweck nicht. Durch ihre Geometrie gehen 50% der Energie verloren. Sie strahlen rundum ab und beleuchteten so die Limmat und die Baumkronen, welche zum Schutz der Tiere nicht beleuchtet sein sollten. Zudem erzeugen sie ein täuschendes Sicherheitsgefühl, da die Umgebung im Gegensatz zu den hellen Leuchtpunkten zu dunkel erscheint.

Seit 2015 wird die Strassenbeleuchtung ausserhalb des Stadtkerns unter der Woche von 1:00 bis 5:00 ausgeschaltet – die AZ berichtete. Zwischen 23:00 und 6:00 werden die modernen Leuchten (ca. 50% aller Leuchten) gedimmt. Die öffentlichen Gebäude wie die Ruine Stein oder der Stadtturm werden unter der Woche bis 23:30 und am Wochenende bis 1:00 beleuchtet. Aktuell ist ein Postulat im Einwohnerrat pendent, welches fordert, dass öffentliche Gebäude zwischen 22:00 und 6:00 nicht beleuchtet werden. Auch Schaufenster und Reklamen sollen in diesem Zeitraum ausgeschaltet werden. Gegenstimmen betonen, dass Gebäude wie die Ruine Stein und der Stadtturm massgeblich zum nächtlichen Stadtbild beitragen. Die verschiedene Interessen müssen daher gegeneinander abgewogen werden. Klar ist: Die Stadt wird ein neues Beleuchtungskonzept erarbeiten, um die Lichtverschmutzung weiter zu reduzieren. Die Stadt geht voran – es wäre schön, wenn auch Private mitziehen. So kann in Baden langsam wieder die Nacht zurückkehren.

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