Umweltblog

Wer läuft so spät durch Nacht und Wald?

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil untersuchte im Badener Wald die nächtliche Aktivität von Erholungssuchenden. Die Resultate zeigen, dass die Besuchszahlen rasch zurückgehen, sobald die Abenddämmerung einsetzt. Die nächtliche Ruhe im Badener Wald ist somit noch gewährleistet.

In Baden wurde fleissig gezählt

Die ZHAW hat für das Projekt «Nächtliche Erholungsaktivitäten im Stadtwald» an acht Standorten die nächtliche Freizeitaktivität im Badener Wald gemessen. Das Ziel der Untersuchung war, die räumlichen und zeitlichen Nutzungsmuster durch die verschiedenen Freizeitaktivitäten am Abend, in der Nacht und am Morgen* aufzuzeigen. Um die Schwankungen übers Jahr miteinzubeziehen, wurden Messungen im Winter von Oktober 2019 bis Januar 2020 sowie im Sommer zwischen Juni und September 2020 durchgeführt.

Für die Zählung der Erholungssuchenden wurden Kombizählgeräte und automatische Kameras eingesetzt. So konnten die Methoden verglichen und für künftige Studien Schlüsse gezogen werden:

Kombizählgeräte

Die Kombizählgeräte sind in der Lage, Zufussgehende und Fahrradfahrende richtungsgetrennt zu erfassen. Zum einen bildet ein Infrarot-Sensor eine Lichtschranke. Wenn diese durchbrochen wird, löst dies die Zählung aus. Zum anderen misst eine Induktionsschleife im Boden den Druck beim Betreten der Messstelle.

Der Pyrosensor misst mittels einer Infrarotschranke die Passierenden (Quelle: ZHAW).

Die Induktionsschleife wurde im Boden verlegt (Quelle: ZHAW).

Automatische Kameras

Die Kameras werden bei Bewegung automatisch ausgelöst. Ein Algorithmus klassifiziert im Anschluss die geschossenen Bilder nach Gruppengrösse und Aktivität. Um den Datenschutz zu gewährleisten, wurden die Kameras mit Filter ausgestattet. Dieser Filter macht es unmöglich, Personen auf dem Bild zu erkennen.

Die Kamera schiesst automatisch Bilder der Passierenden (Quelle: ZHAW).

Standorte der Messstationen auf der Baldegg, Allmend und Baregg (Quelle: ZHAW)

Die ZHAW führte neben automatischen Zählungen Experteninterviews und Befragungen von Waldbesuchenden durch. Als Experten wurden Mitarbeitende des Stadtforstamtes, Revierjäger, Vertretende des Kantons sowie professionelle Sportler und Sportlerinnen befragt. Die verschiedenen Messmethoden ergaben zusammen ein gutes Bild darüber, wie viele Erholungssuchende sich wo während der Morgen-, Abend- und Nachstunden* im Wald bewegen.

Wieso im Badener Wald?

Baden stellte sich als idealer Untersuchungsort heraus, da der stadtnahe Wald häufig für Erholungsaktivitäten genutzt wird. Durch die Bevölkerungszunahme in Baden und Umgebung wird erwartet, dass die Nutzung des Waldes durch Erholungssuchende in naher Zukunft noch mehr steigen wird. Dieser Trend wiederspiegelt die längerfristige Entwicklung, die in vielen Schweizer Gebieten zu erwarten ist.   

Licht und Lärm stört die Tierwelt

Die Nacht im Wald; es ist dunkel und ruhig. So sollte es sein. Doch immer öfter finden Freizeitaktivitäten in den sonst so ruhigen Nachtzeiten statt. Die LED-Technologie der Lichtquellen für Fahrräder oder Stirnlampen für Joggende entwickelt sich stetig weiter. Diese Entwicklung hat Auswirkungen auf die Tierwelt. Viele Tiere fühlen sich durch das Licht und den Lärm gestört. Beispielsweise wird die Jagd nachtaktiver Räuber wie Eulen, Marder und Hermeline massiv behindert.

Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass nächtliche Aktivität und allgemeine Lichtverschmutzung in den letzten Jahren zugenommen hat und zukünftige weiter zunimmt. Studien dazu gibt es bislang noch nicht. Die in Baden durchgeführte Studie soll nun Licht ins Dunkle bringen.

Nur sehr wenig Aktivität nach der Abenddämmerung

Am Messstandort in der Nähe der Baldegg wurde innerhalb von 365 Tagen rund 47’000 Personen erfasst. Davon waren 92 % am Tag (insbesondere an Sonntagen), 3 % am Morgen, 5 % am Abend und nur 0.6 % in der Nacht unterwegs. Die Besuchszahlen gingen rasch zurück, sobald die Abenddämmerung einsetzte. Während der Sommerphase wurden nach 21 Uhr und während der Winterphase nach 19 Uhr kaum Waldbesuchende gemessen.

Messungen der Waldbesuchenden am Morgen, Abend und in der Nacht auf der Baldegg und im Teufelskeller (Quelle: ZHAW)

Rund zwei Drittel der Personen waren zu Fuss und ein Drittel mit dem Velo unterwegs. Spazieren war an den meisten Standorten die Hauptaktivität, gefolgt von Jogging, Spazieren mit dem Hund und Mountainbiking. Am Standort Baldegg wurden durchschnittlich 2.3 Fahrräder pro Abend und 0.5 Fahrräder pro Morgen erfasst. Während der Covid-19 bedingten Lockdownphase im Frühjahr 2020 wurden gemäss einer ersten Analyse die frühen Morgenstunden wie auch die späten Abendstunden vermehrt genutzt.

Verteilung der Aktivitäten aller Standorte im Sommer und im Winter (Quelle: ZHAW)

Der Badener Wald wird tagsüber für viele verschiedene Aktivitäten genutzt. Die erhobenen Daten zeigen, dass am Tag deutlich mehr Personen unterwegs waren als am Abend, in der Nacht und am Morgen. Die ZHAW sieht aufgrund dieser Studie keinen akuten Handlungsbedarf.

Die Studienleitenden stellen sich die Fragen, inwiefern die gezeigt tiefe Aktivität im Wald für Wildtiere problematisch sein könnte und ob allenfalls Sensibilisierungen, Regulierungen oder direkte Besucherlenkungsmassnahmen notwendig sind. Beispielsweise hat das Stadtforstamt im Rahmen seiner Erholungswaldplanung Ruhezonen für Wildtiere ausgeschieden. Müssten diese Lenkungsmassnahmen weiter ausgebaut werden? Diese Fragen könnten in einer weiteren Studie untersucht werden. Wir sind gespannt!

Unterstützt wurde die Studie durch das Bundesamt für Umwelt BAFU, den Kanton Aargau (Abteilung Wald Walderhaltung) und der Stadt Baden (Stadtforstamt).

Als Grundlage für diesen Beitrag diente der Kurzbericht “ Nächtliche Erholungsaktivitäten im Stadtwald “ der ZHAW Wädenswil.

* Abend: Ab bürgerliche Abenddämmerung bis 2h danach, Morgen: 2h vor bis bürgerliche Morgendämmerung

Titelbild: Pixabay

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