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Saatkrähen in Baden: laut und trotzdem OK

Saatkrähen sind in Baden Neu-Zugezogene. Sie brüten in Kolonien mitten in der Stadt und können die Toleranz ihrer Nachbarn auf eine harte Probe stellen. Dennoch sind sie in Baden grundsätzlich willkommen. Denn vertreiben lassen sie sich nicht, das zeigen Erfahrungen anderer Städte.

Saatkrähen sind auf dem Vormarsch: sie besiedeln immer mehr Schweizer Städte, seit wenigen Jahren auch Baden. Jetzt im Spätwinter sind ihre Kolonien im Kurpark und dessen Umgebung gut zu sehen. Saatkrähen sind hochintelligent, äusserst sozial und kommunikativ. Einerseits liefern sie spannende Naturbeobachtungen mitten in der Stadt. Andererseits stellen sie zur Brutzeit die Toleranz der Anwohnerinnen und Anwohner auf die Probe. Langjährige Erfahrungen in Schweizer Städten zeigen: aus der Stadt vertreiben lassen sich die Saatkrähen nicht. Ziel ist darum das konfliktarme Zusammenleben von Mensch und Tier.

Im Winter sind die in Kolonien gruppierten Nester der Saatkrähe gut sichtbar.

Saatkrähen sind keine gewöhnlichen „Krähen“

Die Saatkrähe lässt sich von der Rabenkrähe durch einen unbefiederten, hellgrauen Schnabelgrund, einen geraderen, spitzeren Schnabel und ein violett schimmerndes Gefieder unterscheiden. Sie besiedelt ursprünglich offenes Kulturland. Immer häufiger besiedelt sie Städte, wobei die Nahrungssuche meist immer noch ausserhalb des Siedlungsraums stattfindet. Anders als Rabenkrähen brüten sie in Kolonien.

Die Saatkrähe hat einen hellen Schnabelgrund und brütet in Kolonien (Bild: Stefan Wassmer)

Die Rabenkrähe hat einen schwarzen Schnabelgrund und brütet einzeln (Bild: Pixabay)

Saatkrähen sind auf Expansionskurs

In der Schweiz brütet die Saatkrähe seit 1963; davor kam sie als Wintergast aus Nordosteuropa. Sie gilt als einheimische Tierart, weil sie auf natürliche Weise ihr Verbreitungsgebiet auf die Schweiz ausgedehnt hat. Seit 20 Jahren nehmen die Bestände stark zu. Heute bestehen in der Schweiz rund 230 Kolonien. 60 Prozent der Schweizer Saatkrähen brüten in Städten. In der Schweiz überwintern viele Saatkrähen aus Nordosteuropa. Diese treffen im Spätherbst ein und bleiben bis März. Brutpaare aus der Schweiz ziehen teilweise nach Südeuropa.

Immer mehr Saatkrähen auch in Baden

2018 brüteten in Baden 34 Brutpaare, 2019 bereits 53, die meisten in Kolonien im Kurpark und am unteren Bahnhofplatz. Saatkrähen bevorzugen sehr hohe Laubbäume. Darum beschränkt sich die Auswahl geeigneter Nistbäume auf alte Bäume in Park-Anlagen, alten Gärten und im Bereich der Limmat. Mit einer weiteren Zunahme der Badener Population ist zu rechnen.

In strukturreichen Gärten ist das Überleben der Amseln und andere Kleinvögel gut gesichert (Bild: Pixabay)

Saatkrähen rotten keine Gartenvögel aus

Die Saatkrähe ist ein Allesfresser und ernährt sich von Regenwürmern, Larven, Käfern, Schnecken, Mäusen, Aas, Samen, Nüssen, Früchten und Beeren. Bei Gelegenheit fressen sie auch Eier und Nestlinge von Kleinvögeln. Laut Schweizerischer Vogelwarte kann das die Vogelwelt verkraften. Amsel, Rotkehlchen & Co. sind durch Krähen nicht in ihrem Bestand bedroht.  Sie können auch lokal nicht durch sie ausgerottet werden. Viel problematischer ist das ökologische Verarmen von Gärten. Vogelfreundliche Gärten bieten Kleinvögeln mit einheimischen Gehölzen und naturnaher Pflege Nahrung und Verstecke.

Saatkrähen sind treu und sehr sozial

Saatkrähen gehen lebenslange Ehen ein. Sie erkennen ihren Partner von weit her an der Stimme. Die Brutbäume werden ab Dezember aufgesucht. Saatkrähen brüten auf derselben Baumart, auf der sie selbst aufgezogen wurden. Der Nestbau beginnt im Februar. Ab Anfang April werden pro Nest 3-6 ausgebrütet. Wenn die Männchen die brütenden Weibchen füttern oder später beide Eltern ihrem Nachwuchs Futter bringen, wird es in den Kolonien laut. Aufgeregte Bettelrufe, lautstarke Begrüssungsrufe, Alarmrufe, Störungsrufe, Streitigkeiten: die Sprache der Saatkrähen ist sehr vielfältig. Ein Brutpaar zieht pro Jahr eine Brut auf. Ende Juni sind die letzten Jungvögel flügge. Dann streifen Jung- und Altvögel zur Nahrungssuche in Schwärmen umher. Oft mischen sie sich auch mit Rabenkrähen. Abends beziehen sie grosse gemeinschaftliche Schlafplätze.

Bei der Balzfütterung bestätigt das Brutpaar seine starke Bindung (Bild: Stefan Wassmer)

Toleranz wo möglich, Massnahmen wo nötig

Saatkrähen sind einheimisch und gehören zur städtischen Tierwelt. Sie sind grundsätzlich toleriert in Baden. Andererseits besteht der Anspruch der Bevölkerung auf Ruhe und Hygiene. Städtische Grünräume wie der Kurpark dienen aber nicht nur als Erholungsraum für die Bevölkerung, sondern sind auch ein wichtiger Lebensraum für Tiere. Baden nimmt das Wachstum des Krähenbestandes in Kauf, weil dieser schweizweit steigt. Als Stadt können wir die Bestandesgrösse dieser weit ziehenden Tierart  nicht beeinflussen. Weil Vertreibungen immer zu einer Verlagerung des Problems auf Bäume in der unmittelbaren Umgebung führen, wird eine Kolonie wo immer möglich toleriert. In Fällen, wo Massnahmen aus gesundheitlicher Sicht unumgänglich sind, werden Saatkrähen jedoch am Nisten gehindert.

Lärm ist, was stört

Die lautstarken Rufe der geselligen Vögel werden von den Anwohnenden oft als Lärm empfunden. Zur Brutzeit ist das Krächzen in den Kolonien am frühen Morgen und am Abend besonders laut. In diesen relativ ruhigen Tageszeiten mag das besonders störend wirken. Messungen in Bern haben allerdings gezeigt, dass der Saatkrähen weniger laut sind als der Strassenverkehr. Das menschliche Lärmempfinden ist subjektiv; Geräusche können unabhängig von der Lautstärke stören.

Saubere Nester, verschmutzter Boden

Das zweite Problem sind Verschmutzungen unter Brutkolonien. Jungvögel halten ihr Nest sauber und koten über dessen Rand. Sind Trottoirs oder parkierte Autos davon betroffen, kann das zu Unannehmlichkeiten führen; bei Gartenwirtschaften oder Kinderspielplätzen muss aus gesundheitlicher Sicht interveniert werden.

Die Schonzeit schützt das Brutgeschäft

Saatkrähen sind ausserhalb der Schonzeit jagdbar. Abschüsse im Stadtgebiet stehen aus Gründen der Sicherheit und Akzeptanz in Baden ausser Diskussion. Während der Schonzeit vom 16. Februar bis 31. Juli sind sämtliche Massnahmen zur Vertreibung von Saatkrähen strafbar. Der Nestbau beginnt meistens erst in der Schonzeit; ohne Ausnahmebewilligung des Kantons müssen die Tiere dann auch an hochsensiblen Standorten toleriert werden.

Baden profitiert von den Erfahrungen anderer Städte

Jahrelange Erfahrungen in anderen Schweizer Städten haben gezeigt, dass die „Zerschlagung“ einer Kolonie zu einer Aufsplittung in mehrere Kolonien oder zur Vergrösserung anderer bestehender Kolonien führt. Das Problem wird in jedem Fall verlagert. Saatkrähen sind extrem lernfähig. Sie durchschauen Methoden schnell. Abschüsse im Winter haben keinen Einfluss auf die Anzahl Brutpaare bei uns, wegen der zahlreichen Wintergäste aus dem Norden/Osten und weil die Schweizer Brutpaare teilweise südwärts ziehen. Darum: wo immer möglich Toleranz! Vetrieben werden Saatkrähen nur, wo es wirklich sinnvoll ist. Von den vielen in der Schweiz angewendeten Vertreibungsmethoden wirken die meisten höchstens kurzfristig, denn Krähen sind enorm lernfähig. Das gilt zum Beispiel für Drohnen oder Falkner-Einsätze. Baden setzt auch keine Uhu-Attrappen ein. Einerseits ist an stark frequentierten Standorten mit häufigem Vandalismus zu rechnen. Andererseits verliert die Attrappe sehr schnell ihre abschreckende Wirkung, wenn sie nicht täglich von früh bis spät immer wieder bewegt wird.

Baden verzichtet auch auf Baumfällungen und Baumschnitt. Letzters kann die Krähen zwar einige Bäume weiterziehen lassen. Durch den Schnitt wird das Baumwachstum jedoch angeregt und die Verzweigungen dichter. Nach 2-3 Jahren sind die geschnittenen Bäume für Krähen noch attraktiver als vorher, und sie kehren zurück. Als effizienteste Methode gilt das konsequente Entfernen der Nester. Der Werkhof holt am betreffenden Standort alte Nester schon im Winter herunter. Neue Nester werden ab Brutbeginn wöchentlich mittels Hebebühne entfernt, bis keine weiteren Nester mehr gebaut werden. Die Nester dürfen mit entsprechender Bewilligung des Kantons solange entfernt werden, als noch keine Eier drin liegen.

Das Saatkrähenkonzept schafft Transparenz

  • In Baden werden Saatkrähen auf öffentlichem Grund wo immer möglich toleriert. Das gilt besonders für städtische Grünräume mit hohem Naturwert wie den Kurpark oder den Limmatraum.
  • Nicht toleriert wird eine Kolonie in unmittelbarer Nähe zu einer hochsensitiven Einrichtung wie Spital oder Pflegeheim, direkt über Primarschul-Pausenplätzen, Kindergarten-Anlagen, öffentlichen Spielplätzen, Gartenwirtschaften, dem öffentlichen Freibad oder über Grabfeldern sowie in Strassenbäumen in dicht bebautem Wohngebiet. Aber auch hier wird immer zuerst die Infrastruktur überprüft. Erst wenn Verbesserungen nicht nicht ausreichen, werden Nester entfernt.
  • Nester werden nur ausserhalb der Schonzeit oder mit Bewilligung des Kantons entfernt.
  • Die Stadt ist für die Bäume auf öffentlichem Grund verantwortlich, nicht jedoch für natürlich zugewanderte Wildtiere. Der Baumschnitt erfolgt, wenn es aus Sicht der Baumpflege oder der Sicherheit nötig ist, nicht jedoch zur Vertreibung von Krähen.
  • Bei Reklamationen und Anfragen wegen Saatkrähen werden vor Ort mit den Betroffenen Lösungen gesucht. Die Akzeptanz der Saatkrähen in der Bevölkerung soll dadurch verbessert werden.

Anpassungen reduzieren die Belastung

Mit geeigneten Anpassungen der Infrastruktur können Beeinträchtigungen durch Saatkrähen während deren Brutzeit reduziert werden. Die Tiere selber werden am betreffenden Ort toleriert. Solche Massnahmen gehen zu Lasten des Eigentümers. Das können temporäre Sonnensegel, eine häufigere Reinigung oder temporäre Verlegungen von Parkplätzen sein, aber auch krähensichere Abfallkübel oder dreifachverglaste Fenster.

Dokumentieren zur Erfolgskontrolle

Im Auftrag der Stadt erhebt der Naturschutzverein Baden / Ennetbaden (NAVO) den Saatkrähenbestand jährlich. Auch die Massnahmen werden dokumentiert. Durch den Austausch mit anderen Schweizer Städten bleibt Baden auf dem Laufenden, wenn neue Methoden entwickelt werden.

Hier können Sie einen Blick in ein Krähennest in Bern werfen: Zur Live Web-Cam kraehennest.ch

Bild kraehennest.ch

Kostenlose Beratung für Privatpersonen

Bei Kolonien auf Privatgrund bietet die Stadt eine kostenlose Beratung an, trifft jedoch selbst keine Massnahmen und kommt auch nicht für die entstehenden Kosten auf. Während der Schonzeit vom 16. Februar bis 31. Juli sind sämtliche Massnahmen zur Vertreibung von Saatkrähen strafbar. Dazu gehört auch der Baumschnitt. Bei Massnahmen ausserhalb der Schonzeit ist zu beachten, dass die vertriebenen Saatkrähen oft in der nahen Umgebung bleiben. Rückschnitte oder Fällungen von Bäumen führen darum oft nicht zum Erfolg. Anpassungen der Infrastruktur sind hingegen ganzjährig möglich; die Stadt berät Sie gern dabei.

Merkblatt Saatkrähen

Bei Problemen mit Saatkrähen vereinbaren Sie mit uns einen Augenschein: Stadt Baden, Fachabteilung Stadtökologie 056 200 82 57

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