Umweltblog

Zero Waste – Wenn weniger mehr ist!

Die Zero Waste Bewegung verspricht ein Leben ohne Müll. Dass die Community derzeit viele Anhänger und Sympathisanten findet, erstaunt spätestens nach der Klimastreikbewegung nicht mehr. Kann Zero Waste ein Ansatz für eine nachhaltigere Gesellschaft sein? Und ist es überhaupt möglich, abfallfrei zu leben? – Ein Gastbeitrag von Deborah Knecht.

Die Schweiz als Müllweltmeisterin

Jede in der Schweiz wohnhafte Person produziert laut BAFU jährlich 715 Kilogramm Abfall. Dies entspricht einem der höchsten Siedlungsabfallaufkommen der Welt. Damit Sie sich unter dieser Zahl etwas mehr vorstellen können, eine Überschlagsrechnung: Eine Person füllt gut zwanzig 35l-Müllsäcke in einem Jahr. Werden die Müllsäcke aller Einwohner aneinandergereiht, ergibt sich eine Müllsackstrecke von rund 93300 Kilometern. Wir Schweizer*Innen können den Äquator mit unserem Hausmüll also mehr als zweimal umrunden – jährlich.

Weniger ist mehr

Diese imposante Menge macht deutlich, dass wir definitiv zu viel Müll produzieren. Klar, wir Schweizer*Innen sind auch Weltmeister*Innen im Recycling. Laut BAFU wird nämlich rund die Hälfte unseres Hausmülls rezykliert. Dies ist überdurchschnittlich viel. Recycling ist grundsätzlich eine gute Sache, bedingt aber, dass die Menschen ihren Müll richtig trennen und entsorgen. Fakt ist, dass das Aufbereiten von Wertstoffen noch immer viel Energie verbraucht, wenn auch erheblich weniger, als die Neugewinnung.

Wer also glaubt, seinen Konsum, uneingeschränkt auf dem momentanen Standard basierend, weiterführen zu können, irrt sich. Trotz Recycling ist der nachhaltigste Abfall jener, der gar nicht erst produziert wird.

Zero Waste – kein neuer Gedanke

Der Ursprung des Begriffs „Zero Waste“ liegt in der Industrie. Er ist Teil der in den neunziger Jahren entwickelten Theorie der Kreislaufwirtschaft, auch „Cradle to Cradle“ genannt. Dabei handelt es sich um ein regeneratives System, in welchem Ressourcenverbrauch, Abfallproduktion, Emissionen und Energieaufwand minimiert werden. Dies bedingt einer langlebigen Konstruktion, Reparaturmöglichkeiten und der Wieder- und Weiterverwendung von Produkten.
„5 R“ Inverted Pyramid. Von oben herab gelesen: Zuoberst kann am meisten Abfall vermieden werden. Quelle: Zero Waste Switzerland.

Gegenbewegung zur Wegwerfgesellschaft

In Privathaushalten begann der Trend zum müllfreien Leben mit Bea Johnson. Die Französin, welche mittlerweile mit ihrer Familie in Kalifornien lebt, führt den Blog „Zero Waste Home“ und brachte ein gleichnamiges Buch auf den Markt. Dabei geht es vor allem darum, dem Abfall den Kampf anzusagen und innovative Lösungen für den Alltag zu finden. Mittlerweile gibt es den Verein „Zero Waste Switzerland“, welcher nicht nur die einzelnen Bürger*Innen, sondern auch die Wirtschaft zu einem abfall- und verschwendungsfreien Konsumverhalten motiviert und erneuerbare Produktionsmethoden der Kreislaufwirtschaft fördert. Für das Gelingen ist der Austausch und der Einsatz aller Beteiligten besonders wichtig.

Das Zero Waste Prinzip

Durch ein Leben ohne Abfall, möchten Zero Waster mit verantwortungsbewusstem Handeln vorausgehen. Das Ziel ist nicht primär auf alles zu verzichten, sondern langfristig klüger zu konsumieren und die eigenen Bedürfnisse zu hinterfragen. Dabei richtet man sich nach den „5 R“, wobei es grundsätzlich darum geht, Müll abzulehnen.
Der Grossteil an Müll kann vermieden werden, indem Verpacktes und Überflüssiges abgelehnt werden. Denn je weniger konsumiert wird, desto weniger muss produziert und später entsorgt werden.
Als nächster Punkt wird Müll im Haushalt reduziert, indem man ungeliebte und ungenutzte Dinge weiter gibt, anstatt sie zu entsorgen. So muss nichts neu produziert werden und Ressourcen werden geschont.
Der dritte Punkt dreht sich hautsächlich ums Wiederverwenden und Reparieren. Denn Einwegprodukte sind vor allem für die Wirtschaft gut, nicht aber fürs Portemonnaie und schon gar nicht für die Umwelt. Langlebiger und somit nachhaltiger sind Produkte, die bestenfalls jahrelang genutzt werden.
Alles, was trotz ablehnen, reduzieren, wiederverwenden und reparieren noch an Müll anfällt, soll dem Recycling-„Kreislauf“ zugeführt werden. Natürlich verschlingt auch der Recycling-Prozess neue Ressourcen, aber zumindest nicht so viele wie eine Neuproduktion.
Der letzte Punkt der 5 R’s bezieht sich aufs Kompostieren. So wird beispielsweise aus Küchenabfällen hochwertiger Dünger, den man zu Hause direkt seinen Pflanzen im Garten oder auf der Fensterbank zuführen kann. Somit muss auch kein Müll durch die Gegend gefahren und aufwendig aufgearbeitet werden.

Zero Waste – eine Utopie?

Die 5 R der Zero Waste Pyramide bieten Ideen und ermutigen, sich mit dem eigenen Konsumverhalten auseinanderzusetzten. Ob ein Leben gänzlich ohne Müll tatsächlich möglich ist, scheint zweifelhaft. Treffender wäre wahrscheinlich der Begriff „minimal Waste“. Denn selbst wer jährlich nur ein Einmachglas voller Abfall produziert, verbraucht Ressourcen. Diese sind bei einem Kleidungsstück, einer Flugreise oder einem neuen Computer auf den ersten Blick vielleicht weniger ersichtlich als bei einer Plastikverpackung, aber mindestens so relevant. Da uns die Folgen dieses Ressourcenverbrauchs im ersten Moment nicht persönlich betreffen, sind sie allerdings relativ leicht auszublenden.

Aktiv werden

Schliesslich soll Zero Waste den Blick für eine umweltbewusstere Zukunft schärfen. Denn wer den eigenen Konsum hinterfragt und schliesslich bewusster und verantwortungsvoller konsumiert, wird früher oder später auch (un)bewusst sein Umfeld sensibilisieren. Wie ein afrikanisches Sprichwort schön zusammenfasst: „Viele kleine Leute, in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern!“ Schliesslich steht das Konsumverhalten von Privatpersonen in einer stetigen Wechselwirkung zur Forderung nach ressourcenschonenden und weitsichtigen Produktionsweisen in der Wirtschaft. Damit das „Cradle to Cradle“ Prinzip tatsächlich funktioniert, müssen wir uns nicht nur selbst an der Nase nehmen, und unser Verhalten immer wieder kritisch hinterfragen und anpassen, sondern auch von Seiten der Wirtschaft ein klares Umdenken fordern.

Für Interessierte:

Es sind ungefähr 6,8 kg CO2, die jeder Mensch täglich durch alle seine Handlungen ausstoßen darf, um unsere Welt und unser Klima im Gleichgewicht zu halten. „Ein guter Tag“ rechnet dieses Kontingent in 100 Punkte um. Wie viele Punkte Ihres Budgets verbrauchen Sie täglich?
https://www.eingutertag.org/de/punkterechner.html

Verschiedenste Ideen zur Ressourcenschonung – ohne Gewähr auf Vollständigkeit.
https://www.pumpipumpe.ch
https://repair-cafe.ch/de/cafes/repair-cafe-brugg-windisch
http://www.walkincloset.ch/

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