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Der Neuntöter: Ein Leben zwischen Dornen

Ab Mai brütet der Neuntöter in dornenreichen Hecken. Er ist auf einen gut vernetzten Lebensraum angewiesen. Auf der Baldegg kann der kleine Vogel mit dem skurrilen Namen dank ökologischen Aufwertungsmassnahmen wieder beobachtet werden.

Anfang Mai kehrt der Neuntöter aus seinem Winterquartier in Afrika in die Schweiz zurück. Nun beginnt die Balzzeit. Das Männchen mit der typisch schwarzen Zorro-Maske, dem hell blaugrauen Kopf, dem rotbraunen Rücken und den leicht rosa Bauchfedern versucht, das Weibchen mit seinen schönsten Gesängen zu beeindrucken. Balzflüge (ab 0:34) sowie verschiedene Köstlichkeiten sollen das Weibchen von seinen Qualitäten als Vater ihrer Kinder überzeugen. Die Neuntöter Weibchen und Jungvögel sind in der Färbung weitaus weniger auffällig. Ihre Farbe ist matter mit braunem Federkleid und hellbraunem Bauch. Dadurch sind sie im Nest getarnt und so besser vor Feinden geschützt.

Das Neuntöter Männchen hat eine auffällige Zeichnung, währenddessen das Weibchen mit ihrer schlichten Braunfärbung besser getarnt ist. © Lukas Marty, Naturpixel.ch

Ein Vogel mit bizarrem Namen und eigenwilliger Jagdtechnik

Neuntöter bauen ihre Nester bevorzugt in Dornensträuchern. Das Weibchen legt vier bis sechs gefleckte Eier in das weich gepolsterte Nest. Nach etwa 14 bis 16 Tagen schlüpfen die Jungtiere. Sie werden in den ersten Tagen vermehrt von der Mutter, danach von beiden Eltern gefüttert. Nach circa 13 Tage fliegen die Jungen aus. Dennoch werden sie weitere drei Wochen von den Eltern mit Nahrung versorgt.

Der von BirdLife Schweiz zum Vogel des Jahres 2020 erkorene Vogel lebt in niedrigen Dornenhecken. Er ernährt sich hauptsächlich von grösseren Insekten und Spinnen, aber auch kleinere Säugetiere wie Mäuse oder Reptilien stehen auf dem Speiseplan des Neuntöters.

Dieser Neuntöter hält Ausschau nach Beute. © Erik Karits, Pexels.ch

Der flinke Vogel fängt seine Beute im Flug oder greift sie vom Boden aus. Manchmal spiesst er seine Beutetiere an Dornen oder spitzen Seitenästen auf, um sie zu zerlegen oder als Vorrat zu halten. Früher hat man irrtümlicherweise geglaubt, er spiesse immer neun Tiere auf, bevor er eines frisst – daher der Name Neuntöter.

In dem folgenden YouTube Video spiesst ein Neuntöter seine Beute auf, um sie anschliessend zu bearbeiten (ab 0:44): https://www.youtube.com/watch?v=EKxy55UHx5s

 

Förderung des Neuntöters

Einst lebten vier Würgerarten in der Schweiz. Heute ist der Neuntöter noch der einzige Vertreter dieser Vogelfamilie. Doch leider nimmt auch sein Bestand stetig ab. In der Schweiz leben nur noch 10’000 bis 15’000 Brutpaare. Gründe dafür sind die intensive Landwirtschaft, der Verlust von Hecken sowie Blumenwiesen und das damit verbundene Insektensterben. Um das Überleben des Neuntöters und auch anderer Heckenbewohner zu sichern, ist ein gut vernetzter Lebensraum mit blumenreichen Magerwiesen, extensiv genutzten Weiden, Hecken mit einheimischen Dornensträuchern wie Weiss-, Schwarzdorn oder Wildrosen, Obstgärten, Stein- und Asthaufen entscheidend. Denn diese Lebensraumvielfalt gewährleistet ein gutes Insekten- und somit ein ausreichendes Nahrungsangebot für den Neuntöter.

Zur Förderung von Vögeln wie den Neuntöter und anderen Tier- und Pflanzenarten werden auf der Baldegg schon seit vielen Jahren Naturschutzmassnahmen umgesetzt. Die ökologischen Aufwertungen zeigen eine vielversprechende Wirkung. Die Ratshecke und die Hecke bei der Wiese Spittelbalket wurden vor circa 20 Jahre vom Stadtforstamt angepflanzt. Pius Moser, Teamleiter der Forstwarte, war damals bei der Pflanzung dabei:

„Das Ergebnis der Heckenpflanzung auf der Baldegg ist grossartig! Es ist nicht selbstverständlich, dass die Hecken vom Neuntöter als Brutplatz angenommen werden“, meint Pius Moser.

Der engagierte Forstwart und Vogelkenner konnte schon mehrmals Neuntöter in den dornenreichen Hecken beobachten. Neben der Ratshecke und der Hecke bei der Wiese Spittelbalket auf der Baldegg, gehört auch die Hecke bei der Martinsbergweide zu den Brutstandorten der Neuntöter.

Die Ratshecke auf der Baldegg ist besonders dornenreich und wird gerne vom Neuntöter aufgesucht.

Zudem wurden auf der Baldegg krautige Streifen entlang des Ackerlands, sogenannte Buntbrachen und Säume, angesät. Sie sind als Rückzugsort und Verbindungselemente unentbehrlich für viele Vogelarten. Säume und Buntbrachen dienen auch als wertvolle Nahrungs- und Überwinterungsmöglichkeit für Insekten und Spinnen.

Zahlreiche Spinnen und Insekten überwintern in den Hohlräumen den vertrockneten Pflanzenstängeln und bieten so wiederum eine Nahrungsgrundlage für Insektenfresser wie der Neuntöter.

Ab Mitte Juli ziehen die Neuntöter bereits wieder in den Süden Afrikas, die Jungtiere folgen etwas später. Und wir freuen uns darauf, dass wir ab nächsten Mai diesen spannenden, kleinen Vogel wieder bei uns beobachten können.

Lesetipp: Im Artikel Vogelstimmen verstehen erklären wir Ihnen, was die verschiedenen Rufe der Vögel zu bedeuten.

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