Beobachtungen, Meldungen und Fragen zur Badener Biodiversität

Beobachtungen, Meldungen und Fragen zur Badener Biodiversität

E. Jakob am 05.9.2019: „Die Früchte unseres Apfelbaums haben dieses Jahr zahlreiche dunkelbraune Flecken, zum Teil sind sie flächig schwarz und eingerissen. Was ist das für eine Krankheit? Was kann ich tun, damit die nächste Ernte wieder gesund ist? Auf Gift würde ich gern verzichten. Es ist übrigens eine Goldparmäne.“

Bei den Flecken handelt es sich um Schorf, eine Pilzkrankheit. Mit einem fachgerechten Schnitt im Winter könnte die Durchlüftung des Baums verbessert werden. Die Blätter können so schneller abtrocknen und sind dadurch weniger anfällig für den feuchtigkeitsliebenden Pilz. Toni Suter (Baumschule und Gartenbau AG in Dättwil) ergänzt auf Anfrage, dass das Laub im Herbst nicht kompostiert werden sollte, sondern als Kehricht entsorgt. So kann der Schorfpilz nicht unter Ihrem Baum überwintern.

B. Fischer am 10.6.2019: „Unter der Eisenbahnbrücke über die Strasse nach Neuenhof gibt es Ameisenlöwen. Ihre Trichter (siehe Foto) sind zahlreich.“

Vielen Dank für diese interessante Meldung! Ameisenlöwen sind zwar keine echten Löwen, aber trotzdem gefrässige Raubtiere. Die circa 1cm grossen Larven verstecken sich zuunterst im Trichter. Wenn Beutetiere wie Ameisen den Trichter betreten, gerät der feinkörnige Sand ins Rutschen. Das alarmiert den Ameisenlöwe; sofort beginnt er, seine Beute mit Sand zu bewerfen. Rutscht sie ganz nach unten, ergreift er sie mit seinen Zangen, tötet sie durch ein starkes Gift und saugt sie aus. Die Verpuppung findet nach 2 Jahren statt. Das ausgewachsene Tier heisst Ameisenjungfer und gleicht einer Libelle. Es gehört aber zu den Netzflüglern; einer sehr alten Insektenordnung, von der auch die Käfer abstammen. Die adulten Tiere leben räuberisch von kleinen Insekten. Zu beobachten sind sie am ehesten in der Nähe der Sandtrichter, wo sie in den Sträuchern sitzen. Mit einer Spannweite von 5 bis 6 cm sind sie recht gross, aber trotzdem nicht ganz einfach zu entdecken. Der staubige, regengeschützte Sandplatz unter der SBB-Brücke zwischen Neuenhofer- und Zürcherstrasse ist ideal für eine zünftige Ameisenlöwen-Kolonie. Ein Besuch (mit dem Velo 2 Minuten ab Schlossbergplatz) lohnt sich!

Fotos (oben): Trichter Stadtökologie, Ameisenlöwe Wikicommons/Amada44, Ameisenjungfer Wikicommons/NobbiP

S. Egger am 10.6.2019: „Diese Raupe (Bild oben) hat meine Katze angeschleppt. Wie heisst sie? Ist sie giftig?“

Das ist die Raupe des Weidenbohrers (Cossus cossus). Sie wird bis zu 10cm lang und lebt im Holz von Salweiden, anderen Weiden, Birke, Erle, Birn- und Apfelbaum. Sie ist recht häufig, auch in Gärten und Parks. Sehr typisch ist ihr Geruch nach Essig. Die Eier werden meistens auf kränkelnden Bäumen abgelegt. Zuerst frisst die Raupe Rinde, später arbeitet sie sich immer tiefer ins Holz. Die Frassgänge sind oval und bis zu 2cm breit. Nach 2 bis 4 Jahren verpuppt sie sich im Holz oder im Boden. Schliesslich schlüpft ein graubraun gezeichneter, grosser Nachtfalter. Mit einer Spannweite von bis zu 8cm gehört er zu den grössten einheimischen Schmetterlingen.

Giftig ist die Weidenbohrer-Raupe nicht. Sie gilt aber als wehrhaft und kann einen mit ihren Mundwerkzeugen kräftig zwicken.

Die Pilzkontrolle Baden sorgt für unbeschwerten Pilzgenuss

Die Pilzkontrolle Baden sorgt für unbeschwerten Pilzgenuss

Die Pilzsaison ist in vollem Gang. Ein Besuch der Pilzkontrolle Baden nach dem Sammeln schafft Sicherheit; von den rund 3000 einheimischen Grosspilzen sind gerade mal 150 essbar. Im Pilzhüsli sind Sammlerinnen und Sammler aus Baden und Umgebung willkommen. Auch Greenhorns werden hier freundlich empfangen und fachkundig beraten.

Pilze haben jetzt Hochsaison im Badener Wald. Wie wär‘s mit einem selbstgesammelten, lokalen Bio-Zerowaste-Pilzragout? Mit einem dicken, bunt bebilderten Pilzbuch versuche ich auf dem Sonntagsspaziergang, ein paar Exemplare zu bestimmen. Die Ernüchterung folgt schnell: die Fotos und Beschreibungen stiften mehr Verwirrung als Klarheit. Die Vielfalt ist überwältigend, ebenso die Variabilität: von derselben Art gibt’s Varianten in der Farbe, Grösse und Form.

Besser als Bestimmungsbücher und Apps: die Pilzkontrolle Baden

Zum Glück gibt die Pilzkontrolle Baden! Während der Saison finden hier Pilzsammlerinnen und Pilzsammler aus Baden und den umliegenden Gemeinden  fachkundige Unterstützung beim Bestimmen der gesammelten Pilze, und erst noch kostenlos. Im September und Oktober ist das Pilzhüsli täglich geöffnet. Mein Besuch zeigt schnell: hier sind auch Anfängerinnen willkommen.

Fünf Pilzfachleute betreiben die Pilzkontrolle Baden – im Herbst täglich

Heute hat Harald Schmid Dienst. Er amtet seit 21 Jahren als Pilzkontrolleur der Einwohnergemeinde Baden und teilt sich diese verantwortungsvolle Aufgabe mit vier weiteren Pilzfachleuten. Pilze sind seine Leidenschaft, vor allem die nicht essbaren. Von den circa 3000 einheimischen Grosspilzen sind schliesslich nur gerade 150 bekömmlich. Diese Vielfalt fasziniert Schmid seit vielen Jahren. Er leitet auch die technische Kommission des Pilzvereins Region Baden. Beruflich beschäftigt er sich aber mit der Vielfalt der Sprache: Er ist Korrektor.

Punkt 17 Uhr schliesst er das rustikale Pilzhüsli am Schademüliplatz auf, und bereits trifft erste Kundschaft ein. Schmid begrüsst sie zum Teil mit Namen. Die Körbe und Papiertaschen werden auf kleinen Tischen ausgebreitet. Auch kleinste Stücke müssen ausgepackt werden; sonst könnte das Ragout trotz Kontrolle ungeniessbar oder sogar giftig werden.

Versteckt sich unter den Eierschwämmen ein heikler Doppelgänger?

Jeder Pilz wird sorgfältig kontrolliert – Giftpilze haben keine Chance

Und dann geht’s fix: Schmids Hände fliegen über das Sammelgut. In wenigen Sekunden liegt nur noch da, was essbar ist. Der Rest fliegt in den Kübel unter dem Tisch. Und manchmal noch mehr: „Der ist zwar essbar, aber grusig alt!“ Es gebe mehr Vergiftungen von alten, verdorbenen Pilzen als von Giftpilzen, das liege in der Verantwortung der Sammler. Dann wird schnell ein Kontrollschein ausgefüllt, vielleicht noch ein Tipp zur Zubereitung gegeben, und schon wechselt er zum nächsten Tisch. Ausser natürlich, es gibt Fragen! Dann ist Schmid erst recht im Element, nimmt sich Zeit und teilt sein Expertenwissen grosszügig.

Herr und Frau Wettstein freuen sich schon aufs Kochen und Verschenken ihrer Pilze

Herr und Frau Wettstein aus Nussbaumen sind mit ihrer heutigen Ausbeute sehr zufrieden. Die sechsstündige Suche in einem Wald ennet der Landesgrenze hat sich gelohnt. Prächtige Eierschwämme und makellose Steinpilze liegen vor ihnen und bekommen alle das Okay des Experten. Nun können sie einen Teil der Pilze guten Gewissens an Verwandte und Freunde verschenken.

Frau Sanze lernt eine neue Art kennen

Gespannt erwartet auch Frau Sanze aus Fislisbach das fachmännische Urteil. Sie hat neben den ihr vertrauten Maronenröhrlingen eine weitere, ähnliche Art mitgebracht. Schmid identifiziert ihn sofort als essbaren Schwarzblauenden Röhrling und erklärt dessen Merkmale. Nomen est omen: kaum gedrückt, verfärbt sich sein Fleisch schwarzblau. Zufrieden legt die Sammlerin ihre Pilze in den Korb zurück und wirft einen Batzen ins Trinkgeld-Kässeli.

Enttäuschungen haben auch eine positive Seite: sie erweitern die Artenkenntnisse der Sammlerinnen und Sammler

Gross ist hingegen die Enttäuschung am Nachbarstisch. Die vermeintlichen Steinpilze entpuppen sich als Gemeine Gallen-Röhrlinge und landen allesamt im Kübel. Diese sind äusserst bitter, und schon ein kleines Stück vergällt ein Pilzgericht buchstäblich. Nur die Eierschwämme werden durchgewunken. Leider sind sie so verdreckt, dass nach dem Rüsten kaum noch etwas übrig bleiben wird. Schmid empfiehlt dem enttäuschten Paar, die Pilze bereits im Wald grob zu reinigen, und gibt ihnen fürs Sammeln noch weitere Tipps (siehe Box unten).

Gallenröhrlinge landen im Abfall

Eierschwämme: die Erde sollte im Wald bleiben

Vorsicht vor giftigen Doppelgängern: immer alle Pilze zur Kontrolle bringen

Herr Aeberhard bringt einen einzelnen Pilz mit: „Das ist eine Krause Glucke, gäll?“. Der Pilzkontrolleur bejaht, aber sein Blick wird streng. Hat er im Auto noch mehr davon? Nein, aber im Wald gibt’s ein Plätzchen voll, lacht Aeberhard. Schmid empfiehlt dringend, keine Müsterchen vorbeizubringen, sondern immer den ganzen Fund. Er hat auch schon insistiert, die restlichen Pilze aus dem Kofferraum noch hereinzubringen, und einen tödlich giftigen Gifthäubling zwischen den essbaren Stockschwämmchen gefunden.

Baden leistet sich mit der Pilzkontrolle keinen Luxus, sondern senkt damit die Gesundheitskosten

Pilzkontrolleure können Leben retten. Oder im Notfall Entwarnung geben. Zum Beispiel, wenn ein Kleinkind im Garten einen Pilz findet und in den Mund steckt. In einem solchen Fall landet ein Anruf in der Tox-Zentrale Tel. 145 beim lokalen Pilzkontrolleur. Dieser kann vor Ort schnell entscheiden, ob das Kind wirklich ins Spital muss. Schmid weist darauf hin, dass die politisch oft diskutierte Abschaffung der Pilzkontrolle nur vermeintlich Geld spare. Unnötige Hospitalisierungen und unvermeidliche Vergiftungen führen zu neuen, immensen Kosten.  Eine Knollenblätterpilzvergiftung, die jemand überlebt, kostet die Gesellschaft mindestens eine halbe Million Franken. Ausserdem geht das Wissen über die richtige Diagnose der Pilzgifte verloren, was die Ärzte im Ernstfall ratlos macht.

Eindrückliche Biodiversität: vom Laien zum Pilzprofi ists ein weiter Weg

Herr Schmidhauser darf seine Hexenröhrlinge behalten

Auf Herr Schmidhausers Tisch liegen weitere interessante Arten. In meinem Pilzbuch trägt der Netzstielige Hexenröhrling das Totenkopfzeichen. Das sei überholt, erklärt Harald Schmid, 20minütiges Kochen mache ihn essbar. Der Schönfussröhrling dagegen landet im Kübel, so schön er auch anzuschauen ist, denn er ist bitter und würde Beschwerden verursachen.

Sauber sortiert lernt sichs am besten

Kurz vor Türschluss um 18 Uhr bringt Frau Lang aus Würenlos eine grosse Kiste vorbei. Darin eine Mini-Pilzausstellung in farbigen Bechern. Sie löchert den Kontrolleur nach Unterscheidungsmerkmalen, damit sie das nächste Mal im Wald weiss, was zu sammeln sich lohnt, und was sie in Zukunft stehen lässt. Harald Schmid weist auf typische Gerüche (er unterscheidet 150 verschiedene!), auf Texturen, Farben, Muster…mir geht das zu schnell!
Eine einfache Faustregel merke ich mir aber: Nicht essbar sind die Pilze mit weissem Milchsaft.

Die Pilzkontrolle Baden geht auf die Bedürfnisse der Besucherinnen und Besucher ein

Punkt 18 Uhr sperrt Schmid das Pilzhüsli wieder zu. Mein Besuch hat gezeigt: in der Pilzkontrolle Baden kommen alle auf ihre Kosten. Den einen genügt eine zügige Expertise für den sicheren Pilzgenuss, andere schätzen es, wenn sie dabei auch noch ihre Pilzkenntnisse erweitern können. Und es lohnt sich unbedingt, rechtzeitig zu kommen. Dann lernt man auch noch Arten aus fremden Pilzkörbchen kennen.

Schwellenangst ist definitiv nicht angesagt, und das Pilzragout dampft vielleicht schon bald im Teller!

Gibt es im Kanton Aargau eine Schonzeit für Pilze?

Nein; es gibt auch keine Mengenbegrenzung. Es liegt also in der Eigenverantwortung der Sammlerinnen und Sammler, Mass zu halten.

Verboten ist jedoch das organisierte Sammeln. Gewerbsmässiges Sammeln ist bewilligungspflichtig.

Achtung: jeder Kanton hat eigene Bestimmungen, so gilt zum Beispiel im Nachbarkanton Zürich eine strenge Schonzeit vom 1.-10. jeden Monats.
Übersicht aller Kantonalen Pilzvorschriften

Empfehlungen zum Pilzsammeln

  • in durchlässigen Mischwäldern ist die Artenvielfalt am grössten
  • als Sammelbehälter ist ein offener Korb ideal, notfalls eine Papiertüte
  • nur schöne, ausgewachsene Exemplare nehmen; alte und ganz junge stehen lassen
  • Pilze ausdrehen, Vertiefung mit Erde zudecken
  • Pilze vor dem Einpacken mit einem Pinsel oder Messer säubern
  • Pilzbücher oder Apps liefern nur erste Hinweise im Feld; für die sichere Bestimmung ist ein Besuch in der Pilzkontrolle dringend empfohlen
  • Pilze immer vollständig und möglichst noch gleichentags zur Kontrolle bringen
  • stets den ganzen Fund kontrollieren lassen, nicht nur ein Musterexemplar

Katzen jagen Blindschleichen: so sichern Sie im Garten das Überleben der nützlichen Echse

Katzen jagen Blindschleichen: so sichern Sie im Garten das Überleben der nützlichen Echse

Katzen leben in drei von vier Schweizer Haushalten. Die Mehrheit von ihnen darf ins Freie. Als Jäger leben sie draussen ihre wilde Seite aus, mit Folgen für die Biodiversität. Neben Vögeln und Mäusen sind auch Blindschleichen in Gefahr. Ob diese nützlichen Schneckenvertilger trotz Katzen langfristig vorkommen im Quartier, hängt von der Gestaltung der Gärten ab. Mit einfachen Massnahmen geben Sie den Blindschleichen um Ihr Haus eine gute Chance, jagdlustigen Katzen zu entkommen.

Ich mag meine Katze sehr. Sie gehört zur Familie. Gleichzeitig mag ich „meine“ Wildtiere ums Haus, zum Beispiel die Blindschleichen. Als naturliebende Katzenhalterin komme ich ins Grübeln. Denn meine Katze jagt. Sie streicht gern durch die umliegenden Gärten. Und sie ist nicht die einzige, mindestens fünf Nachbarskatzen tun es ihr gleich. Immer wieder macht sie Beute: eine Waldmaus, eine Libelle. Und ja, auch mal eine Blindschleiche.
Sollte ich meine Katze einsperren? Nein; aber ich schaffe Strukturen ums Haus, welche das Überleben der Blindschleichen und anderer Kleintiere langfristig sichern sollen.

Katzen mit Auslauf sind schlecht für die Biodiversität

Von den 1.4 Millionen Schweizer Katzen dürfen 70% ins Freie. Sie jagen, weil es ihre Natur ist, und Schimpfen nützt nichts. Katzen sind die erfolgreichsten Beutegreifer im Siedlungsraum und können mindestens lokal Beutetiere stark dezimieren. Betroffen sind vor allem Mäuse und Spitzmäuse, Vögel, Frösche, Molche, Eidechsen und Blindschleichen. Unter den Vögeln trifft es laut Schweizerischer Vogelwarte vorwiegend häufige Arten wie Amseln, Rotkehlchen, Meisen, Finken und Spatzen. Was ist zu tun? Natur- und Tierschutzorganisationen wünschen sich eine breite Diskussion zum Thema Katzen und Biodiversität. In erster Linie sollte die Katzendichte wieder abnehmen. Vorschläge gibts viele: freiwilliger Verzicht auf Katzenhaltung, Kastrieren, gesetzliche Beschränkung der Anzahl freilaufender Katzen pro Haushalt, der Abschuss streunender Katzen im Wald…

Freigänger-Katzen einsperren ist nicht tiergerecht

Damit es nicht zu so drastischen Massnahmen kommt, müssen wir Katzenhalter Verantwortung übernehmen für den Jagdtrieb unserer Lieblinge. Freigänger-Katzen einzusperren wird nicht verlangt. Der Zürcher Tierschutz hält fest, dass der Freilauf grundsätzlich zu einer tiergerechten Katzenhaltung gehört.

Mit einer wildtierfreundlichen Gartengestaltung können wir das Vorkommen von Blindschleiche&Co. auch in katzenreichen Quartieren sichern. Laut Vogelwarte jagen Katzen vor allem Tierarten, die zahlreich und einfach zu fangen sind. Wenn die Beutetiere in ihrem Lebensraum genug Nahrung, Verstecke und geschützte Plätze für die Fortpflanzung finden, verkraften sie selbst beträchtliche Verluste durch Beutegreifer.

Blindschleichen fressen Schnecken und sind darum nützliche Helfer im Garten

Ein Wildtier muss nicht nützlich sein, damit es unsern Schutz verdient. Für ein Tier mit dem nicht grad kuschligen Namen „Blinde Schleiche“ ist es aber sicher ein Vorteil. Denn wenn wir auch selber von deren Schutz profitieren, fällt es uns leichter, aktiv zu werden.

Blindschleichen sind in der Schweiz geschützt, wie alle Reptilien und Amphibien. Sie sind nicht blind und sie sind nicht giftig. Es sind keine Schlangen, sondern beinlose Eidechsen. Blindschleichen sind ausgesprochene Nützlinge im Garten, weil sie sehr viele Nacktschnecken fressen. In naturnahen Gärten kommen sie recht häufig vor, gerade auch in feuchteren, schattigeren Bereichen. Den grössten Teil ihres langen Lebens verbringen sie unterirdisch oder in Strukturen versteckt. Helfen wir den Blindschleichen, helfen wir vielen anderen Tierarten in unserem Garten: Igeln, Amphibien, Kleinsäugern und unzähligen weiteren.

Auch Mieterinnen und Stockwerkeigentümer können Blindschleichen schützen

Auch ohne eigenen Garten können Sie sich für Blindschleichen und mehr Natur ums Haus einsetzen. Als Mieterin schlagen Sie Ihrem Vermieter oder der Verwaltung Verbesserungen zugunsten der Natur vor. Und als Stockwerkeigentümer verlangen Sie an der nächsten Versammlung Massnahmen zur Förderung der Biodiversität. Ein schlagendes Argument sind auch die Kosten; naturnaher Grünflächen-Unterhalt ist oft günstiger. Das bringt den Blindschleichen und Vögeln in Ihrem Quartier mehr als Katzen(halter)-Bashing.

Brauchen Sie Unterstützung bei Ihrer Überzeugungsarbeit? Für einen Augenschein mit Ihnen und der Entscheidungsträgerin steht die Stadtökologie gern zur Verfügung.

Sechs einfache Massnahmen zum Schutz der Blindschleichen

Die folgenden Vorschläge für die Förderung von Blindschleichen sind sehr günstig und platzsparend. Sie eignen sich darum auch für kleine Gärten:

Halb eingewachsen: ein Haufen aus Heckenschnitt

Haufen, Haufen, Haufen: Zweige, Laub, Rasenschnitt, Äste, Reisig, Häcksel…mehrere solche Verstecke rund ums Haus sind gute Unterschlüpfe für Blindschleichen. Auf die Grösse kommts nicht an.

Bei wenig Platz im Garten sind kleine Haufen tipptopp. Besonders geschätzt sind trockene Heu-Haufen: gemähtes Gras einfach auf dem Boden trocknen lassen, dann an einem regengeschützten Ort aufhäufen und wenn nötig abdecken.

Und was denken Ihre Nachbarn über die diversen Zwischenlager rund um Ihr Haus? Spätestens mit der Mission B-Kampagne von SRF erkennen sie Ihre guten Absichten.

Häcksel dienen als Blindschleichenversteck und verbessern portionenweise die Struktur des Komposts

Zweige vom letzten Baumschnitt aufschichten, wo’s nicht stört

Efeu macht ein besonders katzensicheres Schutzgeflecht für Blindschleichen

Hecken unterpflanzen: statt Holzschnitzeln ein bisschen Wildnis zulassen.

Unter meiner Hecke haben sich über die Jahre Bärlauch, Maiglöckchen und Goldnessel durchgesetzt: essbare Augenweide im Frühling, üppiges Grün im Sommer und der perfekte Hideaway für Blindschleichen. Andere standortgerechte Wildpflanzen unter Gehölzen sind Kriechender Günsel, Purpurnessel, Salomonssiegel, Efeu, Immergrün und viele andere. Ob Sie diese Pflanzen kaufen oder die Natur selber machen  lassen, ist Geschmackssache.

Artenliste Einheimische Bodendecker

Artenliste Einheimische Schattenpflanzen

Natürlicher Look am Wegrand

Ein bisschen faul sein: einen Saum vor der Hecke stehen lassen. Am Rand von Kiesflächen nicht pingelig sein beim Jäten.

Fliessende Übergänge zwischen Beet und Kies sehen natürlich aus und geben Blindschleichen Deckung, wenn sie sich entlang von Beet-Einfassungen oder anderen Strukturen bewegen.

Im Kompost halten sich Blindschleichen sehr gern auf

Komposthaufen: Ein Eldorado für Blindschleichen: Deckung, Wärme und jede Menge Schnecken, Würmer, Asseln und andere Beutetiere. Ideal ist ein Platz im Halbschatten. Die Grünabfälle werden auf Fingerlänge zerkleinert, feuchtes und trockenes Material gemischt. Ein Deckel oder eine Plane schützt Blindschleichen vor Katzen und hält Füchse fern. Vorsicht geboten ist bei der „Ernte“ des reifen Komposts; arbeiten Sie nicht zu schnell, damit die Echsen sich zurückziehen können.

Schneckenkragen lassen Setzlinge unbeschadet wachsen, ganz ohne Gift

Verzicht auf Schneckengift! Blindschleichen ernähren sich zum grössten Teil von Schnecken.

Eisen-III-Phosphat-haltige Schneckenkörner sollen Blindschleichen laut Hersteller nicht schädigen. Ich verzichte dennoch darauf. Es gibt viele Alternativen dazu sowie vorbeugende Massnahmen, zum Beispiel in der Wahl der Pflanzen oder beim Giessen.

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Tipps von Hauenstein Rafz

Alte Mauern bieten Blindschleichen Unterschlupf

Verstecke in Steinen schaffen: Nicht gebrauchte Stellriemen und überzählige Steinplatten, Pflastersteine oder Ziegel ergeben gute Verstecke für Blindschleichen.

Schichten Sie sie in einer Ecke des Gartens hohlräumig auf. Aufwändiger zu erstellen sind unvermörtelte Bruchsteinmauern mit Schlupflöchern.

Mit diesen Massnahmen ist ein Nebeneinander von Katze und Blindschleiche möglich. Stirbt meine Katze dereinst, stellt sich die Gewissensfrage jedoch von Neuem. Den Wildtieren im Garten ist sicher am allerbesten gedient, wenn ich dann keine neue Katze aufnehme.

weiterführende Links:

Studie (2013) zum Jagddruck der Katzen

Infos über Blindschleichen (KARCH)

Neophyten-Aktionstag: 130 Kinder im Einsatz für den Naturschutz

Neophyten-Aktionstag: 130 Kinder im Einsatz für den Naturschutz

Sechs Badener Primarklassen haben am 6. Juni 2019 im Badener Wald invasive Neophyten ausgerissen. Die 130 Kinder und ihre Lehrpersonen haben einen super Einsatz geleistet. Ein ganzer Anhänger voll Springkraut, Goldrute und Japanknöterich konnte am Mittag abgeführt werden.

Um halb neun wird’s richtig eng am Bushalt Weite Gasse. Mehr als hundert Kinder drängen sich in den Extrabus der RVBW. Die Stimmung ist gut, obwohl die Kinder wissen, dass ihnen ein anstrengender Vormittag bevorsteht. Obwohl – vielen Kindern ist der letztjährige Einsatz in guter Erinnerung. Es mache vor allem Spass, versicherten sie den Neulingen unter ihnen.

In der Allmend und in Münzlishausen suchten die Klassen ihre Einsatzgebiete auf, jede begleitet von einem Mitarbeitenden der Stadtökologie und des Stadtforstamts. Zuerst galt es die verschiedenen Neophyten sicher zu erkennen – gar nicht so einfach! Auch ein unscheinbares Kräutlein am Wegrand spielte eine wichtige Rolle: der Breitwegerich. Dank seinem Saft brannten die unvermeidbaren Brennesselstiche bald nicht mehr. Überhaupt die mühsamen Brennesseln! Warum durfte man sie nicht einfach niedertrampeln? Na wegen der über 20 Schmetterlings-Arten, die als Raupen an Brennnesseln knabbern.

Hochmotiviert stürzten sich die Kinder in die Arbeit. Viele arbeiteten in kleinen Gruppen, die einen als Ausreisser, die andern als Träger. So wuchsen die Sammelhaufen schnell in die Höhe.

Um 12 Uhr trafen sich alle Klassen für die wohlverdiente Mittagspause. An mehreren Feuerstellen brutzelten Würste über der Glut. Für die einen hiess es schon bald wieder Abmarsch zurück ins Schulzimmer. Andere verbrachten auch den Nachmittag im Wald, jetzt aber ohne Arbeiten.

Am Nachmittag sammelte das Stadtforstamt die zahlreichen Haufen ein und fuhr sie zum Werkhof der Stadt Baden. Der Anhänger war zum Glück gross genug! Vom Werkhof werden die Neophyten demnächst nach Nesselnbach gefahren. Dort werden sie in Boxen kompostiert. Das Material wird dabei bis zu 70°C warm und verrottet vollständig.

Herzlichen Dank für euren Einsatz! Ihr habt damit einen wichtigen Beitrag für den Naturschutz geleistet.

Warum werden invasive Neophyten bekämpft?

Wer mehr über Neophyten erfahren möchte, besucht am besten die Ausstellung (G)Artenvielfalt in Dietikon. Diese zeigt, wie Gärten auch ohne problematische Neophyten attraktiv sind. Im Globi-Parcours werden nicht nur Kinder und Jugendliche zu Forschern. An zehn Stationen warten spannende Aufträge. Durch Anfassen und Mitmachen wird verständlich, wie invasive Neophyten wertvolle Lebensräume erobern, seltene Arten verdrängen, und warum sie gefährlich werden können. Für Klassen gibt es Spezialangebote.

Die Gratis-Broschüre „Invasive Neophyten und einheimische Alternativen“ bestellen sie hier.

Ein Umweltblog für Baden: einfach lokal handeln

Ein Umweltblog für Baden: einfach lokal handeln

Mit dem Umweltblog erweitert die Fachabteilung Stadtökologie der Stadt Baden ihre Öffentlichkeitsarbeit. Wöchentlich berichtet sie über Aktuelles aus der Badener Natur. Sie schaut Menschen bei ihrer Arbeit in Badens Grünräumen über die Schulter. Sie stellt Projekte von initiativen Gruppen vor und inspiriert damit zu (noch) mehr Nachhaltigkeit im Alltag. Sie macht Lust auf Entdeckungstouren in Badens vielfältigen Naturräumen. Und sie freut sich auf angeregte Diskussionen mit der Leserschaft, denn die Umwelt lässt niemanden kalt.

Das Team des Umweltblogs Baden: Pascale Contesse, Barbara Finkenbrink, Sarah Niedermann, Jeannette Oberlin, Martina Ramel, Samuel Weissman

Starten statt warten

Wir wissen, dass wir unsere Gewohnheiten zugunsten der Umwelt und der kommenden Generationen überdenken müssen.

Wir wissen auch, wie wir unsere Gewohnheiten verändern müssen.

Jetzt sind Taten gefragt – Starten statt warten!

Sehr viele Badenerinnen und Badener sind schon gestartet. Es sind Menschen, die Schritt für Schritt ihren ökologischen Fussabdruck verringern. Mit ungewöhnlichen Geschichten rund um die Badener Natur und Umwelt möchte die Stadtökologie zum Dranbleiben anregen.  Im Umweltblog kommen Menschen zu Wort, die sich für die Badener Umwelt einsetzen, beruflich oder in der Freizeit. Sie inspirieren zum Nachmachen, ihre Motivation wirkt ansteckend. Denn eigentlich möchten wir ja alle Gutes tun – und wir können es auch – Starten statt warten!

Sechs Rubriken schaffen Übersicht

  • Agenda: Veranstaltungen im Raum Baden in den Bereichen Natur(schutz), Umwelt, Nachhaltigkeit, Naturerlebnis. Zu vergangenen Anlässen gibts im Archiv oft Fotos, Routen und Rezepte.
  • Gut Leben: Vorschläge für nachhaltige Erholung und Genuss in Fussdistanz. Wir beweisen, dass ein nachhaltiger Alltag einfach ist. Und dass Rücksichtnahme auf die Umwelt zufrieden macht.
  • Mitmachen: Ausblicke auf ausgewählte Veranstaltungen, Mitmach-Aktionen und Wettbewerbe.
  • Nachhaltiger Konsum: Produzentinnen und Händler nachhaltiger Produkte in der Region Baden, Reparatur-Werkstätten, Börsen, Plattformen und Netzwerke.  Dazu heisse Tipps, wo welches Kraut oder welche Frucht wild geerntet werden darf.
  • Naturschutz: Laufende Projekte in Baden und die Menschen dahinter. Inspirationen für mehr Biodiversität am und ums Haus. Seltene Arten im Portrait.
  • Umweltwissen: Hintergründe zum Zustand der Badener Umwelt.  Was erreicht wurde und was noch zu tun ist.

Mitreden ist einfach

  • Kommentieren Sie unsere Beiträge.
  • Schlagen Sie Themen vor.
  • Stellen Sie Ihre Fragen zur Badener Natur, zum nachhaltigen Alltag, zum Zustand der Badener Umwelt.
  • Schicken Sie uns Fotos. Von Dingen, die sie freuen. Von Tieren und Pflanzen, deren Namen Sie wissen möchten. Von Orten, die zugunsten der Natur verbessert werden sollten.
  • Lassen Sie Ihre Veranstaltung zu Natur und Nachhaltigkeit im Raum Baden in der Umweltagenda publizieren.
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Netiquette

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Wildbienen im Kappelerhof: eine Erfolgsgeschichte für mehr Biodiversität in Baden

Wildbienen im Kappelerhof: eine Erfolgsgeschichte für mehr Biodiversität in Baden

Das Badener Wildbienenparadies im Kappelerhof ist ein voller Erfolg. Eine wissenschaftliche Untersuchung belegt, dass heute im Schellenacker mehr als doppelt soviele Wildbienen-Arten vorkommen als vorher. Die Vielfalt an bunten Blüten auf der ehemaligen Rasenfläche erfreut nicht nur Bienen, sondern auch Menschen. Der Schlüssel zum Erfolg sind die Mitarbeitenden des Werkhofs Baden. Sie pflegen den naturnahen Mini-Park mit viel Fachwissen und ökologischem Verständnis.

Das Wildbienenparadies im Kappelerhof: Mitte Mai blüht schon viel, aber noch lang nicht alles

Eine Hahnenfuss-Scherenbiene verschliesst ihr Nest mit Lehm (Bild C. Sedivy)

Ende Mai herrscht Hochbetrieb im Mini-Park im Kappelerhof. Wildbienen und viele andere Insekten besuchen die bunte Blütenpracht. Viele Niströhren im Wildbienenhaus sind bereits besetzt. In den andern sind Bienenweibchen mit der Ei-Ablage, dem Heranschaffen des Nahrungsvorrats für die Larven oder Maurer-Arbeiten beschäftigt. Ich treffe mich mit den beiden Machern des Wildbienenparadieses. Dr. Claudio Sedivy hat als Mitbegründer des Startups Wildbiene+Partner schweizweit 16 solcher Oasen geplant. Robert Gartner, Teamleiter Grünanlagen des Werkhofs, hat mit seinem Team den Umbau unterstützt. Jetzt ist er für den anspruchsvollen Unterhalt verantwortlich.

Die Knautien-Sandbiene ist auf die lila Witwenblume spezialisiert (unteres Bild: C.Sedivy)

Wann geht’s denn hier wirklich los mit der Blütenpracht? Ich bin fast ein bisschen enttäuscht.

C. Sedivy: Schau mal die unzähligen Knospen! Das Farben-Feuerwerk findet im Juni statt, das ist typisch für einheimische Blütenstauden. Wildbienen finden aber jetzt schon jede Menge Pollen. Auf den lila Witwenblumen sind heute zahlreiche Sandbienen zu beobachten. Sie sind auf diese Pflanze spezialisiert und legen ihre Eier in selbstgegrabene Erdnester.

R. Gartner: Wenn Wildstaudenbeete vom Frühling bis in den Herbst optisch etwas hergeben sollen, setze ich auch einen kleinen Anteil nicht-einheimischer Arten. Zudem bringt ein Schnitt nach dem Blühen häufig noch eine zweite Blüte. Eine möglichst lange Blühphase ist ein wichtiger Anspruch auf Pflanzungen im Siedlungsraum.

C. Sedivy: Ich unterstütze diesen undogmatischen Ansatz. Auch in dieser Anlage hat es einzelne Nicht-Einheimische, zum Beispiel diesen Wollziest aus dem Kaukasus. Die auffällig schwarz-gelb gestreifte Wollbiene schabt dessen flauschigen Haare ab und verwendet sie für ihr Nest.

Wieviele Pflanzenarten wachsen denn hier?
C. Sedivy: Im früheren Rasen zählten wir knapp 40 Arten, nach der Neubepflanzung im Jahr 2016 warens 100 und im vergangenen Sommer über 120. Vor der Neugestaltung waren 20% der Arten ökologisch wertvoll, 2018 über 70%.

Wie hat sich die Zusammensetzung verändert in dieser Zeit?
R. Gartner: Die Gräser profitieren vom späten Mähen im Juli und drücken fest in die Kiesflächen. Durch Jäten halten wir sie in Schach. Auch Zaunwinde und Löwenzahn nehmen wir heraus, sie würden die selteneren Stauden bedrängen.

Jäten in einer 120-Arten-starken Fläche tönt schwierig.
R. Gartner: Wen ich hier jäten lasse, muss tatsächlich eine sehr gute Artenkenntnis vorweisen. Durch Kursbesuche sind die hier eingesetzten Mitarbeiter dafür gut gerüstet. Sie sind auch motiviert für den Erhalt dieser üppigen Biodiversität.

Warum kann man eine naturnahe Fläche wie diese nicht einfach sich selbst überlassen?
C. Sedivy: Eine Pflanzengemeinschaft auf Kies und Sand ist in der Natur nicht von Dauer, nur ein Zwischenstadium. Die Gärtner des Werkhofs simulieren mit ihrem Eingreifen Flussüberschwemmungen. Ohne Störung wächst in kurzer Zeit alles zu. Die Anzahl Pflanzenarten nimmt ab, und ohne offenen Sandboden nimmt auch die Attraktivität für Wildbienen ab.

Die Reaktionen aus der Anwohnerschaft waren während des Umbaus 2016 gemischt. Die einen freuten sich sehr über die Aufwertung, andere störten sich an der Baustelle. Welche Reaktionen bekommt ihr heute?
R. Gartner: Viele äussern sich begeistert und lassen sich von der Anlage für ihren eigenen Garten inspirieren. Für andere ists einfach ein Unkrauthaufen.

Vorher bin ich fast in einen Hundehaufen getreten.
R. Gartner: Leider wird die Anlage immer noch als Hunde-WC benutzt. Hunde sollten in der Anlage nicht frei laufengelassen werden, dafür ist sie zu dicht bewachsen.

Damit die Anlage auch für Skeptiker ordentlich aussieht, schneidet ihr die Stauden im Spätherbst mehrheitlich ab. Das steht im Öko-Lehrbuch anders…
C. Sedivy: Es ist hier absolut ok, wenn der Werkhof auf den Ordnungssinn der Anwohnerschaft Rücksicht nimmt. Für Wildbienen ist ein üppiges, vielfältiges Blütenangebot viel wichtiger als die abgestorbenen Pflanzenstengel.

Wieviel Arbeit macht die Anlage konkret?
R. Gartner: Pro Jahr sinds 4 Tage für 2 Mitarbeitende. Das ist völlig im Rahmen. Die Wiese mähen wir im Juli mit dem Balkenmäher. Für Insekten ist das die schonendste Methode. Das Heu lassen wir 2 Tage liegen, damit die Samen herausfallen.

In der Schweiz gibt es über 600 Wildbienenarten. Wieviele haben den Weg in den Kappelerhof gefunden?
C. Sedivy: Der Forschungsbericht von swissbeeOdiversity zeigt den vollen Erfolg der Neugestaltung. Vor dem Umbau identifizierten wir 21 Arten. Das ist schon nicht schlecht. 2017 warens dann 56, also mehr als doppelt soviele. Davon sind 5 auf der Roten Liste. Die Anzahl Tiere hat zweifellos stark zugenommen, das haben wir aber nicht nachgezählt.

Und andere Insekten?
C.Sedivy: Wildbienen sind Zeiger-Arten. Das heisst, wo’s viele Wildbienen hat, stimmts auch für ganz viele andere Insekten. Hier haben also auch zahlreiche Nicht-Wildbienen profitiert.

Ein voller Erfolg also! Was war denn der Schlüssel dazu?
C. Sedivy: Zentral ist, dass der Werkhof die Idee des Quartiervereins und der Stadtökologie von Beginn an voll mitgetragen hat. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. Es ist schon eine heftig naturnahe Gestaltung, wie man sie noch nicht oft sieht mitten im Siedlungsraum! Die Pflege verlangt viel Fachwissen und ökologisches Verständnis, und da ist Baden auf sehr gutem Weg.

Gibt’s denn bald ein zweites Wildbienenparadies in Baden?
R. Gartner: Ich habe schon Ideen dafür, aber es braucht noch etwas Überzeugungsarbeit.

Sollen gebrauchte Niströhrchen eigentlich geputzt werden?
C. Sedivy: Nein, das ist nicht nötig. Es ist schwierig, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Bei Gelegenheit können aber neue hinzugefügt werden.

Robert und Claudio, ich danke euch herzlich für dieses Gespräch!

Der Minipark 2015 vor…

…und 2016 nach der Neugestaltung. Seither hat sich die Blütenpracht noch vervielfacht

Gut zu wissen

Der Minipark an der Schellenackerstrasse im Quartier Kappelerhof wurde 2016 zum Wildbienenparadies aufgewertet. Der Umbau kostete CHF 33’000 und wurde aus dem städtischen Ökofonds finanziert. Die Stadtökologie setzte die Idee des Quartiervereins im Rahmen des Projekts Natur findet Stadt um.

Anschauliche Infotafeln in der Anlage erklären, wie die Wildbienen die verschiedenen Strukturen nutzen, und geben Tipps für den bienenfreundlichen Garten. In der grossen Nistwand ermöglicht ein herausziehbares Fach den Blick in besetzte Niströhren (siehe Beitragsbild). Hineinschauen lohnt sich!